"Es war eine kleine Schicht von Schriftgelehrten, die in dem Mann aus Nazareth eine Bedrohung für ihre Macht sahen."

Wie die Kirche den Staat durch 20 Jahrhunderte zur Verfolgung Andersgläubiger anstiftete

Kirche und Staat

Wie die Kirche den Staat durch 20 Jahrhunderte zur Verfolgung Andersgläubiger anstiftete
  • Weshalb musste Jesus von Nazareth sterben?
  • Wer hat Seinen Tod veranlasst?

Es waren keineswegs „die Juden“, wie es Kirchenführer in allen Jahrhunderten in antisemitischen Hetzreden dem Kirchenvolk einhämmerten. Jesus war schließlich selbst ein Jude. Es war eine kleine Schicht von Schriftgelehrten, die in dem Mann aus Nazareth eine Bedrohung für ihre Macht sahen. Dieser Wanderprediger hatte großen Zulauf – und Er verkündete eine innere Religion, einen inneren Weg zu Gott, der die religiösen Grundlagen des Volkes Israel nicht aufhob, sondern sie im Gegenteil neu belebte: „Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben.

Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen“ (Mt 5,17). Jesus meinte damit freilich nicht die kleinliche Beachtung eines äußeren Buchstabengesetzes, sondern Er meinte die absoluten Gesetze Gottes, wie sie in mannigfacher Weise in den Aussagen der großen Gottespropheten des Volkes Israel zum Ausdruck kommen – auch wenn diese Aussagen in der Bibel vielfach überlagert und durchsetzt sind mit Beimischungen anderer Art, etwa durch das, was in der wissenschaftlichen Textkritik als „Priesterschrift“ bezeichnet wird.

Jesus wurde zu einer Bedrohung für die Macht der Schriftgelehrten, weil Er die Missstände im Tempel offen legte,

weil er das Auseinanderklaffen von göttlicher Botschaft und priesterlicher Machtentfaltung bloßstellte. Er griff die Pharisäer offen an, bezeichnete sie als „übertünchte Gräber“, als „blinde Blindenführer“, als „Schlangen- und Otterngezücht“. Er trieb die Händler aus dem Tempel, die dort Opfertiere zum Kauf feilboten, obwohl doch Gott durch Seine Propheten die Tieropfer abgelehnt hatte: „Die Widder, die ihr als Opfer verbrennt, und das Fett eurer Rinder habe ich satt; das Blut der Stiere, der Lämmer und Böcke ist mir zuwider“ (Jes 1,11). Vor allem aber: Er zeigte in der Bergpredigt den Weg zu einem friedlichen Miteinander der Menschen auf, das ohne äußere Kirche und Priesterkaste auskommt.

Sehr bald schon trachteten bestimmte Tempelkreise Jesus nach dem Leben: „Da suchten die Hohepriester und der Hohe Rat falsches Zeugnis gegen Jesus, um ihn zu Tode zu bringen.“ Doch Israel war ein besetztes Land; selbst die religiöse Elite hatte nicht die Macht, ein Todesurteil zu verkünden und zu vollstrecken. Um den Anführer der „Sekte des Nazareners“ zur Strecke zu bringen, musste man den römischen Statthalter dazu bringen, einen Justizmord zu begehen.

So ist es zu erklären, dass die Anführer des Hohen Rates je nach Adressat zwei verschiedene Beschuldigungen gegen den bei Nacht und Nebel verhafteten Jesus vorbrachten: Vor dem Hohen Rat selbst behaupteten sie, Er habe Gott gelästert. Vor dem römischen Statthalter Pilatus jedoch sprachen sie davon, dass der Nazarener im Begriffe sei, das Volk gegen die Römer aufzuhetzen.

Diese Vorgehensweise hat Modellcharakter für die nächsten zweitausend Jahre:

Intern und gegenüber dem gläubigen Volk argumentiert die Priesterkaste gegen Jesus und später gegen die so genannten Sekten „theologisch“ und gleichzeitig verächtlich machend – sie verleumden Jesus als Fresser und Säufer, Freund der Zöllner, Scharlatan, falschen Propheten, Gotteslästerer, Er stehe mit dem Teufel im Bunde. Gegenüber der staatlichen Obrigkeit jedoch zieht man andere Register der Verleumdung: Jesus und Seine Anhänger seien Staatsfeinde, Aufrührer, gefährliche Umstürzler.

Die Rechnung ging auf. So, wie die Priester und Schriftgelehrten immer wieder in der Geschichte Israels die großen Gottespropheten verleumdeten, verfolgten und zum Teil töteten – etwa Jesaja –, so erreichten sie nun das Todesurteil gegen den größten Gottespropheten der Menschheit.

„Und damit“, so Bernd Rill, „wurde der Gründer der Kirche auch zu ihrem ersten Ketzer, zumindest in den Augen derjenigen, die seine Kirchengründung als Ketzerei ansahen, also natürlich die Verwalter der bis dahin bestehenden Religion ...“