"Es war eine kleine Schicht von Schriftgelehrten, die in dem Mann aus Nazareth eine Bedrohung für ihre Macht sahen."

Die Religionsgesetze des Theodosius

Kirche und Staat

Die Religionsgesetze des Theodosius

Ihre volle Durchschlagskraft erreichte die kirchlich inszenierte Ketzerverfolgung durch den römischen Staat unter dem zunächst oströmischen, dann gesamtrömischen Kaiser Theodosius (Regierungszeit 379-395). „Theodosius erließ am 27. Februar 380 das berühmt-berüchtigte Religionsedikt von Thessalonich, das der heidnischen Toleranz den Todesstoß versetzte, indem es unter Androhung himmlischer und irdischer Strafen die Annahme des katholischen Glaubens für jeden römischen Bürger obligatorisch machte.“ In diesem Edikt stand geschrieben:

„Wir befehlen, dass diejenigen, welche dies Gesetz befolgen, den Namen ‚katholische Christen’ annehmen sollen;

die übrigen dagegen, welche wir für toll und wahnsinnig erklären, haben die Schande zu tragen, Ketzer zu heißen.“ Damit war der Katholizismus alleinige Staatsreligion. Doch dies war erst der Anfang. Der Historiker Grigulevic schreibt dazu: „Die christliche Kirche, die jetzt eine Bundesgenossin der kaiserlichen Macht geworden war, stützte sich auf deren Hilfe bei der Unterdrückung ihrer Rivalen, der heidnischen Kulte, und ihrer inneren Opposition, der zahlreichen häretischen Strömungen. Auf ihre Veranlassung verbot der römische Kaiser Theodosius ... die übrigen Religionen und konfiszierte den Landbesitz der heidnischen Tempel zugunsten der christlichen Kirche. Diese nannte ihn dafür dankbar den ‚Großen’.

In den achtziger Jahren und zu Anfang der neunziger Jahre erließ Theodosius eine Reihe von Edikten über die Verfolgung der Heiden und Häretiker (Manichäer), in denen gegen sie der Verlust der staatsbürgerlichen Rechte, die Konfiskation der Güter und schließlich die Todesstrafe (Strafe für Majestätsverbrechen, 392) bzw. die Verbannung ausgesprochen wurden. Die Präfekten wurden verpflichtet, Inquisitoren (Untersuchungsrichter) sowie Denunzianten (Geheimagenten) zum Aufspüren verborgener Manichäer und anderer ‚Majestätsverbrecher’ zu ernennen.“ Grigulevic fährt fort: „Dieses Gesetz gegen die Manichäer ist eine Art Vorbild für die künftige Inquisition:

Zum ersten Mal in der Geschichte des Imperiums wurden die Anhänger eines religiösen Kults in den Rang von Staatsverbrechern erhoben und es wurde ein spezieller geheimer Untersuchungsapparat mit uneingeschränkten Vollmachten zu ihrer Auffindung und Bestrafung geschaffen. In der Folge- zeit, als die Inquisition selbst bestand, beriefen sich alle kirchlichen Apologeten zu deren Rechtfertigung gerade auf dieses Gesetz.“

Auch dies hat Methode: Die Kirche beeinflusst die Mächtigen in ihrem Sinne

und beruft sich dann später wiederum auf sie. In der heutigen Zeit wird ein ähnliches Spiel, wie wir noch sehen werden, mit den Massenmedien betrieben. Theodosius und seine Nachfolger erließen zwischen 380 und 438 ungefähr achtzig Gesetze gegen „Ketzerei“. Den Ketzern wurde jegliche Versammlung, jeglicher Gottesdienst, auch in Privathäusern, verboten. „Man untersagte den Nichtkatholiken ... jede Art von Lehrtätigkeit, die Ordination von Geistlichen und befahl die Vernichtung ihres Schrifttums. Man bedrohte sie mit Ausweisung, Verbannung und Konfiskation ihres Vermögens. Man sprach ihnen das Recht ab, sich Christen zu nennen, Testamente zu machen oder auf Grund von Testamenten zu erben; zuweilen erklärte man sie sogar für unfähig, irgendwelche rechtsgültigen Akte zu vollziehen.“

All dies ist nicht bloße Geschichte. Wir werden in der jüngsten Vergangenheit wieder auf Versuche stoßen, religiösen Minderheiten das Christsein abzusprechen, ihnen Versammlungen unmöglich zu machen, sie zu enterben, ihnen Sorgerechte und Ähnliches abzuerkennen.

Auffallend ist die seelische Grausamkeit, die Freude am psychologischen Detail, mit der diese Gesetze verfasst wurden. Im vierten Gesetz steht z.B. zu lesen: „Wir hätten sogar befohlen, sie in die Ferne zu stoßen und weiter weg zu verbannen, wäre es nicht offensichtlich eine größere Strafe, unter den Menschen zu leben, aber ihre Unterstützung zu entbehren. Sie sollen also als Ausgestoßene in ihrer Umgebung wohnen bleiben. Die Möglichkeit, in ihren früheren Status zurückzukehren, ist ihnen verwehrt. Für sie gibt es keine Buße; sie sind keine ‚Gefallenen’, sondern ‚Verlorene’.“ Hochgestellte Ketzer hätten einen „unsagbar verworfenen Charakter“, so das letzte der Gesetze, sie seien daher „ständiger Ächtung (infamia) auszusetzen und nicht einmal zur niedrigsten Klasse zu zählen. Die gesellschaftliche Existenz dieser Menschen ist damit vernichtet.“

Es gab damals zwar noch keine Massenmedien – doch die Möglichkeit, den Andersgläubigen

nicht durch Mord, sondern (eleganter) durch Rufmord zu vernichten, wurde hier bereits klar artikuliert. Das schafft keine Märtyrer – und macht der Häresie doch auf sehr nachhaltige Weise den Garaus.

  • Wer hat sich so etwas ausgedacht?

Dreimal dürfen wir raten. „Die kaiserliche Kanzlei gebraucht bei ihrer antihäretischen Gesetzgebung regelmäßig das von den katholischen Bischöfen des Westens entwickelte Anti-‚Ketzer’-Vokabular. Es beeinflusste ‚nicht nur die Abfassung, sondern auch den Inhalt der Texte’ ... Denn hinter Theodosius stand natürlich die katholische Kirche – ‚Die göttliche Vorsehung half dabei nach’ ...“

Die Ketzerjäger späterer Jahrhunderte (darunter übrigens auch Luther) beriefen sich nicht von ungefähr auf Theodosius und seine Nachfolger. Mit Hilfe von Konstantin und Theodosius gelang der Institution Kirche innerhalb eines knappen Jahrhunderts ein beispielloser Aufstieg: Von einer zeitweise noch verfolgten Minderheit nicht nur zur alleinigen Staatsreligion, sondern in der Folge sogar zur einzig noch erlaubten und öffentlich praktizierten Religion überhaupt. Ein „Idealzustand“, der aus katholischer Sicht sicher noch Jahrhunderte lang so hätte bleiben können.

Erst der Zusammenbruch des römischen Reiches und die Aufspaltung in Ost- und Westrom machten neue strategische Manöver der römischen Kurie notwendig, um dann im Spätmittelalter eine ähnliche (oder gar noch größere) Macht wieder zu erringen.