"1933 unterzeichneten Hitler und der päpstliche Nuntius Pacelli das Reichskonkordat. Damit begann das düsterste Kapitel der jüngsten Papstgeschichte: die unheilige Allianz zwischen Vatikan und Nationalsozialismus."

Stalin und die Kollaboration von Orthodoxen und Katholiken

Die Politik der Päpste zur Zeit des Nationalsozialismus

Stalin und die Kollaboration von Orthodoxen und Katholiken

»Die Kirche Christi gibt ihren Segen zur Verteidigung der heiligen Heimaterde aller Orthodoxen.«

Der Metropolit von Moskau, Sergij, 1941.

»Die Männer der Kirche schlagen sich tapfer an der Front und stellen täglich ihren Patriotismus unter Beweis.«

Stalin, 1943.

Während der hohe katholische Klerus, von Hitlerdeutschland über Italien, Spanien, Frankreich bis Übersee, ganz Europa und die Kirche Christi in Gefahr sah, beschwor auf der anderen Seite der orthodoxe Patriarchatsverweser und Metropolit von Moskau, Sergij, die Russen. Wer glaube, »unser gegenwärtiger Feind beabsichtige, die heiligen Schätze und unseren Glauben unangetastet zu lassen«, verkündete der prominente Pope, irre gründlich. Denn mit den Deutschen nahe die düstere Wolke des Wahnwitzes, Ludendorffs neues Heidentum. »Räuber haben sich auf unser Vaterland gestürzt«, rief Sergij. »Die Kirche Christi gibt ihren Segen zur Verteidigung der heiligen Heimaterde aller Orthodoxen. Möge der Herr uns den Sieg verleihen.«

Der Moskauer Kirchenfürst schlug schon am 22.Juni 1941, am Tag des deutschen Einfalls, Alarm, indes Stalin,

der alle Warnungen der Westmächte mißachtet hatte, erst zehn Tage später, am 3.Juli, die Sprache wiederfand und in einem ersten Aufruf forderte, dem Feind nichts als verbrannte Erde zu hinterlassen. Doch dann verständigte er sich sofort mit der Kirche. Er begann eine neue Religionspolitik, die der sowjetischen Widerstandskraft ebenso zugute kam wie dem russischen Ansehen im Amerika. In der Roten Armee erhielt der »politruk« den Auftrag, für die religiöse Beeinflussung der Soldaten mitzusorgen, die militärischen Befehlshaber hatten die religiösen Gefühle des Volkes besonders zu beachten; die Zeitschriften des Gottlosenverbandes, »Beboschnik«, »Antireligiosnik« und »Atheist«, wurden eingestellt, das Journal des Moskauer Patriarchats konnte weiter erscheinen; die »Prawda« brachte religiöse Nachrichten; Metropolit Sergij bekam die Privatresidenz des deutschen Botschafters. Schon am 21. August 1941 empörte sich Radio Moskau darüber, daß die Deutschen »den Herrn Jesus Christus stürzen« und an dessen Stelle Rosenbergs Mythos des XX. Jahrhunderts setzen wollten.

Wie die Christen im Westen das Blutbad der Faschisten förderten, so unterstützte nun im Osten die russisch-orthodoxe Kirche Stalins »Großen Vaterländischen Krieg« - »es gibt keine Menschen«, sagte Napoleon, »die sich besser verstehen als Priester und Soldaten«; oder wie General Adolf von Thiele schrieb: »...denn Gott darf bei keinem Kriege vergessen werden.« Metropolit Sergij regte Bittgottesdienste an, ließ den Rubel rollen für Rüstungszwecke und ermöglichte Stalin die Aufstellung einer neuen Division, der Kampfwagenkolonne »Dimitrij Donskoj«. Und im Sommer 1942 erschien in Moskau der reich bebilderte himmelblaue Prachtband Die Wahrheit über die Religion in Rußland, in dessen Vorwort Herausgeber Sergij erklärte, »nicht Verfolgung, sondern eher eine Rückkehr zur Zeit der Apostel« sei der Kirche unter 25jähriger Sowjetherrschaft beschieden gewesen. Christenverfolgungen in der UdSSR wurden rundweg bestritten, Strafzuteilungen auf politische Verbrechen zurückgeführt.

Stalin zeigte sich erkenntlich. Am 4. September 1943 empfing er die Metropoliten von Moskau, Leningrad und Kiew; am 8. September wurde Oberhirte Sergij von 19 Hierarchen, mit Stalins »Segen«, zum Patriarchen von ganz Rußland gewählt und ein »Rat für die Angelegenheiten der orthodoxen Kirche beim Ministerrat« gegründet. »Seit den ältesten Zeiten«, rief der Generalissimus damals, »ist im russischen Volk ein religiöses Gefühl lebendig geblieben. Nach der Eröffnung der Feindseligkeiten gegen Deutschland hat sich die Kirche von ihrer besten Seite gezeigt. Die Männer der Kirche schlagen sich tapfer an der Front und stellen täglich ihren Patriotismus unter Beweis.«

Die orthodoxen Bischöfe kollaborierten also wie die katholischen - nur auf der anderen Seite.

Und am 24. Dezember 1941 sagte der Erzbischof von Saratow, Andrej, zu dem Berichterstatter der »Associated Press«, G. E.L. King: »Das Sowjetregime hat die Freiheit des Glaubensbekenntnisses niemals eingeschränkt. Die Sowjets halten sich streng an den Grundsatz der Tolerierung aller Religionen und haben diese Toleranz durch einen besonderen Artikel ihrer Verfassung legalisiert. Das Regime hat Repressalien gegen Geistlichkeit und Gläubige angewandt, doch nicht wegen ihrer religiösen Überzeugungen, sondern wegen ihrer gegen das Sowjetregime gerichteten Tätigkeit. Es ist zu berücksichtigen, daß die Kirche vor der Revolution im Dienst der Zarenregierung stand und viele Privilegien und Vorteile genoß.«

Die Sowjets erkannten im Lauf des Kriegs den Nutzen einer moralischen Unterstützung durch die Kirche, und die Kirche nahm gern den Nutzen wahr, der aus ihrer Mitwirkung erwuchs. Das Entgegenkommen der Kommunisten war einigermaßen neu. Dagegen tat der Klerus nur, was er seit dem 4.Jahrhundert tat; er ging, formuliert Katholik Friedrich Heer, »noch in jeder Geschichtsstunde mit jedem Machtherren ins Bett«.

Die Zahl der offenen Christentempel stieg allein in Moskau von 15 im Jahr 1939 auf über 50 im Jahr 1943. Eben damals schloß man am 23. September auch eine Art Konkordat. Stalin konzedierte der Kirche die Errichtung von zwei Geistlichen Akademien und acht Priesterseminaren und dem Patriarchen Sergij nach seinem Tod am 15. Mai 1944 ein Staatsbegräbnis. Anfang des nächsten Jahres kam es zu einem glanzvollen, von 46 Bischöfen besuchten Konzil, das dem roten Diktator die Botschaft schickte: »Gott schenke unserem lieben Vaterland den baldigen Sieg und unserem vielgeliebten Chef Josef Stalin noch zahlreiche Lebensjahre.« Der Regierungsvertreter G.G. Karpov hob in seiner Begrüßung den Anteil der Kirche an der nationalen Verteidigung hervor und die tiefe Sympathie der Machthaber dafür, die andauern werde. »In unserem großen Land sind mit dem Sieg der neuen, bisher noch nie verwirklichten sozialistischen Gesellschaftsordnung auch neue Beziehungen zwischen Kirche und Staat entstanden.«

An den Krönungsfeierlichkeiten des neugewählten Patriarchen, des 67jährigen Metropoliten von Leningrad und Nowgorod,

Alexej (Sergej Vladimirovic Simanskij), dreifacher Träger des Ordens der roten Arbeiterfahne und - wegen seines Einsatzes bei der Belagerung seiner Residenz - Empfänger der Medaille für die Verteidigung Leningrads, nahmen sechstausend Gäste teil, das diplomatische Korps, orthodoxe Würdenträger aus der ganzen Welt, Offiziere der Roten Armee, Parteifunktionäre - und der Hauptmitarbeiter des neuen Patriarchen, Metropolit Nikolaj von Krutitzki, behauptete in einer Proklamation, Stalin verkörpere das Beste der religiösen Überlieferung Rußlands; man verdanke es dem Sowjetregime, wenn die orthodoxe Kirche »sich geistig so entfaltet, wie es seit Jahrhunderten nicht mehr der Fall war«. Nach der einstimmigen Wahl des Patriarchen feierte man in einem Aufruf »An die Christen der ganzen Welt« begeistert die Rote Armee und deren Siege, die man als Siege Christi über die Geister der Finsternis pries. »Ein jeder sieht es«, heißt es da, »welche Waffen unser Herr Jesus Christus gesegnet hat und wessen Waffen diesen Segen nicht empfangen haben.«

Niemand bedauerte diese Entwicklung wohl so wie der Papst in Rom. Er bezeichnete die Einsetzung des Patriarchen »lediglich als einen sehr geschickten Schachzug Stalins« und sah seine eigenen Hände dadurch »außerordentlich... gebunden«. Die Sowjetpresse publizierte am 6. Februar 1945 eine Botschaft des Konzils, die Ausrottung des Faschismus forderte und schärfste Verurteilung derer, die zur Vergebung rieten. Die Konzilsväter erhoben »ihre Stimme gegen die, darunter in erster Linie gegen den Vatikan, die durch ihre Interventionen Hitlerdeutschland von der Verantwortung für seine Verbrechen freisprechen wollen und die mit ihrem Aufruf zur Nachsicht gegen die Nationalsozialisten, die ganz Europa mit dem Blut ihrer unschuldigen Opfer besudelt haben, nach dem Krieg die unmenschliche und unchristliche Lehre des Faschismus weiterleben lassen wollen«.

Am 10. April empfing Stalin, in Anwesenheit Molotows, Patriarch Alexej und Metropolit Nikolaj, der über die Audienz berichtete: »Mit verständlicher Erregung haben wir dem Tag des Besuches bei dem großen Stalin entgegengesehen. Schon als wir sahen, wie Josef Wissarianowitsch uns empfing, lächelnd, schlicht und herzlich, waren wir von seinem Charme und seiner einfachen Herzlichkeit eingenommen, die hinter der äußeren Erscheinung seine wahre Größe verbergen... Das Gespräch... war das eines Vaters mit seinen Kindern, ganz zwanglos. In der freudigen Erregung, vom größten Mann unserer heutigen Zeit, dem genialen Führer vieler Millionen Untertanen empfangen zu werden, bemerkten wir nicht, daß die Zeit verstrich. Kein Zweifel, diese Begegnung, dieses Gespräch sind unvergeßlieh. Sie allein (!) sind Grund genug, für unser Volk jede Arbeit und alle nur möglichen Opfer auf uns zu nehmen, für ein Volk, an dessen Spitze der steht, der seines Glückes Schmied ist, der seinen Ruhm weit in die Welt trägt, unser lieber, unser großer Stalin.«

Nicht nur die Orthodoxen aber wollten für Väterchen Stalin kämpfen und sterben; auch Katholiken.

Beim Raub Polens waren Hitler die polnische Regierung, der polnische Generalstab und der Staatsschatz entgangen. So kam es zu einer Zusammenarbeit zwischen der über Rumänien und Bordeaux nach London geflohenen Exilregierung mit der Sowjetunion. Dabei schloß man am 14. August 1941 ein Militärabkommen über die Rekrutierung einer polnischen Armee auf sowjetischem Territorium, wofür alle polnischen Staatsbürger »amnestiert« werden sollten; hatte Stalin doch etwa 1,5 Millionen Polen zwischen Herbst 1939 und Juni 1941 nach Rußland verschleppt. Von diesen in Straf- und Arbeitslagern Festgehaltehen begann der selber erst im August 1941 aus dem Moskauer GPU-Kerker entlassene und plötzlich zum Verbündeten Stalins gewordene General Wladyslaw Anders sechs polnische Divisionen mit fast 100 000 Mann zu mobilisieren.

Anders, der Oberbefehlshaber des neuen Armeekorps, entstammte einer deutschen Gutsbesitzerfamilie, fühlte sich jedoch als Pole; er war protestantisch, konvertierte aber in der Sowjetunion zum Katholizismus. Stalin gestand ihm und seinen katholischen Soldaten nun 32 Militärpfarrer sowie den Besuch eines mit päpstlichen Vollmachten ausgestatteten bischöflichen Visitators zu. Deshalb fuhr der polnische Armeebischof Jozef Gawlina im April 1942 zur Truppenbetreuung in die UdSSR.

Der Feldbischof, trotz einer Verwundung im September 1939 zur polnischen Armee nach Frankreich und England gelangt, reiste aus London über Teheran nach Moskau. In Teheran hatte schon im Dezember 1941 General Anders den General Wladyslaw Sikorski, den Ministerpräsidenten der polnischen Exilregierung, getroffen, und den päpstlichen Delegaten Marina, dem es um die Militärseelsorge ging. Offenbar aber nicht nur darum.

Denn als Gawlina am 28. April 1942 die sowjetische Hauptstadt betrat — als erster katholischer Bischof seit d'Herbignys denkwürdiger letzter Moskaufahrt (I, 383ff.)-, da war er entschlossen, sich auch um die zivile Seelsorge der polnischen Katholiken in der Sowjetunion zu kümmern. Nicht weniger als 50 Feldaltäre, 572 Bibeln, 53 500 Kreuze, 784 000 Heiligenbildchen und viel Geld brachte er mit. Und bereits am i.Juli 1942 konnte Gawlina dem Vatikan melden, etwa die Hälfte der polnischen Priester sei aus den Gefängnissen befreit, 107 davon stünden der Familienseelsorge zur Verfügung, müßten aber wohl gleichfalls als Militärgeistliche deklariert werden. Einige wollten sogar nach dem Abzug der polnischen Armee als Priester in Rußland bleiben - »sub omni conditione« (unter jeder Bedingung).

»Auf NKDW- Fragen, wann ich abzureisen gedächte, gebe ich nicht allzu klare Antworten.

Ich will nämlich auch die Zivilbevölkerung aufsuchen, die weit außerhalb der Militärgebiete lebt.« Inzwischen war die Aufstellung von Anders' Armee nicht ohne Schwierigkeiten weitergegangen. So fehlten etwa 10 000 polnische Offiziere, deren Gefangennahme 1939 durch die Rote Armee zwar bekannt, deren Verbleib aber unbekannt war. Auch konnten im März 1942, als das polnische Kontingent immerhin schon 67 000 Mann betrug, nur 44 000 Rationen zugestanden werden. Schließlich wurde in den folgenden Monaten die »Anders-Armee«, immer begleitet von Monsignore Gawlina im Gewand des Feldbischofs, in den Iran, Irak, nach Palästina verlegt und operativ unter britischen Oberbefehl gestellt. Und als man im Juni 1943 Massengräber mit den - manchmal 15 000, manchmal 30 000 etc. - Leichen der polnischen Offiziere in Katyn entdeckte, brach die polnische Exilregierung endgültig mit den Russen und ging auf Gegenkurs.

Eine kleinere polnische Einheit erhielt Stalin allerdings kurz darauf, die »Kosciuszko«-Division unter dem nicht mit Anders abgezogenen Oberst Zygmunt Berling.

Am 15.Juli 1943, nach feierlicher Messe unter freiem Himmel, durch den zum polnischen Hauptmann beförderten katholischen Priester Franciszek Kubsz vereidigt, versprach diese Truppe, für Polens Befreiung zu kämpfen und ihren sowjetischen Verbündeten die Treue zu halten.