"1933 unterzeichneten Hitler und der päpstliche Nuntius Pacelli das Reichskonkordat. Damit begann das düsterste Kapitel der jüngsten Papstgeschichte: die unheilige Allianz zwischen Vatikan und Nationalsozialismus."

Die »Friedensbemühungen« Papst Pius XII.: Kreuzzug West gegen Ost!

Die Politik der Päpste zur Zeit des Nationalsozialismus

Die »Friedensbemühungen« Papst Pius XII.: Kreuzzug West gegen Ost!

»Ihr freiwilligen Kreuzfahrer einer neuen und edlen (!) Gesellschaft, erhebt die neue Standarte der moralischen und christlichen Erneuerung, erklärt der Finsternis einer sich von Gott lösenden Welt den Krieg!«

Pius XII. in seiner Weihnachtsbotschaft 1942.

»Wie Gesandter von Krug berichtet, teilte ihm Präsident Laval auf Grund einer Unterhaltung eines seiner Mitarbeiter mit dem Nuntius Valerio Valeri mit, daß in Kreisen des Vatikans eine stärkere Neigung erkennbar wäre, die Achsenmächte und die Angloamerikaner einer Annäherung zum Kampf gegen den Bolschewismus entgegenzuführen.« Telegramm des deutschen Botschafters in Paris am 31. Juli 1943.

Durch ihren Abgesandten Myron C. Taylor, bis 1944 siebenmal zu kurzen und langen Visiten in Rom, durch Harold Tittmann und den britischen Botschafter beim Römischen Stuhl, Osborne, suchten Roosevelt und Churchill den Papst für die Auffassung zu gewinnen, nicht die Sowjetunion, sondern der Nazismus sei der Hauptfeind. Dagegen sah Pius XII. gerade in der atheistischen UdSSR die größte Gefahr für das »christliche Europa«. Zwar neigten gewisse kuriale Kreise, darunter der anglophile Kardinal Tisserant, der Ansicht Roosevelts und Churchills zu, die meisten vatikanischen Herren teilten jedoch die streng antisowjetische Haltung ihres Oberhauptes.

Selbst Tardini aber, der Sekretär für Außerordentliche Angelegenheiten, der diesbezüglich wie Pacelli dachte, mußte zugeben, Roosevelts These, wonach die »russische Diktatur«, wie der Präsident am 3. September 1941 dem Papst schrieb, »weniger gefährlich für die Sicherheit anderer Nationen ist als die deutsche«, stimme, »wenn man es politisch und militärisch betrachtet«. Schließlich hatte Hitler den Krieg eröffnet, nicht Stalin; hatte Hitler in zwei Jahren ein Dutzend europäischer Staaten niedergerungen oder zu seinen Satelliten gemacht, nicht Stalin.

So äußerte Pius notgedrungen, er werde die Achsenmächte nicht begünstigen und keinen Kreuzzug gegen den Bolschewismus

verkünden. Das freilich konnte er schon deshalb nicht, weil die Sowjetunion in diesem, wie er schrieb »furchtbarsten und verwickeltsten aller Kriege« gemeinsam mit den christlichen Weststaaten focht. Doch bekannte er auch rundheraus, er könne den Krieg gegen die Achsenmächte keinen »gerechten Krieg« nennen. Gerecht schien ihm gewiß, was er indes nicht sagen durfte, der Krieg Hitlers, dessen zahlreiche Aggressionen er nie verurteilt hat. Warnte er ja auch weiter vor der Gefahr aus dem Osten, womit er dasselbe tat wie Joseph Goebbels in Berlin, selbstverständlich: aus »seelsorgerischen« Gründen.

Keinerlei Gehör fand Präsident Roosevelt auch, als er Pius XII. davon überzeugen wollte, daß in Rußland die Kirchen wieder voll seien und die Duldung des Christentums wachse. Denn das konnte diesen schon gar nicht beruhigen, bewies es doch nur das Wiedererstarken der russischen Orthodoxie, der großen Konkurrentin Roms, die man ja gerade mit Hilfe der Faschisten zu gewinnen hoffte. Sehr günstig waren die Aussichten freilich bald nicht mehr. So erstrebte der Papst eine Trennung der USA und Großbritanniens von der Sowjetunion, um zu einem Ausgleich unter den Westmächten zu kommen, einem Kompromißfrieden zwischen Hitlerdeutschland und den Alliierten. Wagte er doch seit Mitte 1942 nicht mehr, an einen völligen Sieg des »Dritten Reiches« zu glauben.

Am 13.Juni 1942 berichtet man aus Agram dem Reichssicherheitshauptamt, vor wenigen Wochen habe im Vatikan noch Optimismus hinsichtlich eines Sieges der Achsenmächte geherrscht, jetzt vertrete man die entgegengesetzte Meinung. Je länger der Krieg dauerte, desto mehr befürchtete Rom Vorteile für den Kommunismus. Und desto mehr argwöhnten die Russen, die Amerikaner könnten, hätten ihre Armeen in Europa erst fest Fuß gefaßt, den Krieg bis zur Erschöpfung Rußlands führen, was zweifellos den frommen Wünschen Roms entsprach.

Zwar ahnte die Kurie auch vom Antiklerikalismus und Neuheidentum Hitlers nichts Gutes;

doch weit mehr Unheil erblickte sie in einem Sieg Stalins, der gegen Ende des Blutbads bemerkte: »Dieser Krieg ist nicht wie in der Vergangenheit: wer immer ein Gebiet besetzt, erlegt ihm auch sein eigenes gesellschaftliches System auf. Jeder führt sein eigenes System ein, so weit seine Armee vordringen kann.« Das wußte man nirgendwo besser als in Rom. Im Herbst 1942 notiert der gleichsam als Außenminister fungierende Tardini, es sei die Illusion der Amerikaner zu glauben, eine siegreiche kommunistische Regierung benehme sich nach dem Krieg »wie ein zahmes Lamm«. »Ich sagte das Taylor: Wenn Stalin den Krieg gewinnt, wird er der Löwe sein, der ganz Europa verschlingt...«

Den militanten Antikommunismus der Kurie verfocht nur ein Teil der US-Führungsgruppen; ein anderer Teil, mit Präsident Roosevelt an der Spitze, vertrat einen entschiedenen Antifaschismus. Auch diese Kreise aber erhofften den Untergang, eine wesentliche Schwächung oder zumindest Wandlung der Sowjetunion. In der Strategie war man einig, nicht in der Taktik.

Bis ins vorletzte Kriegsjahr konferierte der Papst laufend mit dem Ziel eines Sonderfriedens.

Kaum zu Unrecht hörte man 1942 aus Pacellis Weihnachtsbotschaft, die abermals die »zerstörende Doktrin des marxistischen Sozialismus« angriff, einen Aufruf an die Kreuzfahrer gegen die UdSSR heraus, an die Italiener, Spanier, Franzosen, die Belgier, Slowaken, Kroaten, Rumänen, Ungarn, die alle mit Hitlerdeutschland Sowjetrußland bekämpften. »Ihr freiwilligen Kreuzfahrer einer neuen und edlen Gesellschaft (!), erhebt die neue Standarte der moralischen und christlichen Erneuerung, erklärt der Finsternis einer sich von Gott lösenden Welt den Krieg!« »Nicht klagen, sondern handeln ist das Gebot der Stunde«, eiferte der Papst. »Durchdrungen von Kreuzfahrergesinnung kommt es den besten und auserwähltesten Gliedern der Christenheit zu, sich zu vereinigen im Geist der Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe zu dem Ruf: Gott will es!, bereit zu dienen, sich zu opfern wie die alten Kreuzfahrer.«

Es war die Zeit des alliierten Durchbruchs bei El Alamein, der Landung der Alliierten im westlichen Nordafrika,

vor allem aber die Zeit der deutschen Katastrophe von Stalingrad. Als dort Anfang Februar 1943 die Sechste Armee unter Generalfeldmarschall Paulus kapitulierte, tatsächlich der Wendepunkt des Krieges, vermochte die Kurie immer weniger an einen deutschen Sieg zu glauben. Es herrsche die Meinung vor, schrieb Griepenberg, der finnische Gesandte beim Vatikan, »daß es mit den Kräften der Achsenmächte schneller bergab gehe als mit denjenigen der Gegenseite. Die Zeit arbeite also nicht für die Achse.«

Doch unterstützte PiusXII. auch nach den ersten großen deutschen Niederlagen die Faschisten, die sich ihm, das Fiasko fürchtend, jetzt noch enger anschlössen, wie schon das Revirement der Botschafter zeigt. Im Februar 1943 wurde Mussolinis Schwiegersohn, Außenminister Ciano, ein spektakulärer Schritt, Vertreter Italiens beim »Heiligen Stuhl«; und im Juli auch Diego von Bergen, deutscher Botschafter dort seit 1920, durch Staatssekretär Ernst von Weizsäcker abgelöst, den engsten Mitarbeiter Ribbentrops. Bevor Weizsäcker den neuen Posten antrat, empfing ihn Hitler und sagte: »In Rom gibt es drei Männer, den König, den Duce und den Papst. Dieser ist der Stärkste.« Als der Botschafter am 5.Juli 1943 sein Beglaubigungsschreiben überreichte, trug ihm Pius Grüße und Wünsche für den Führer auf und verurteilte »die geistlose Formel« der deutschen Gegner, die von einer »bedingungslosen Übergabe« rede. Er betonte außerdem »seine unveränderte Zuneigung zu Deutschland und zum deutschen Volke« sowie die Interessengemeinschaft zwischen Vatikan und Hitlerreich »bei der Behandlung der Bolschewistenbekämpfung«.

Natürlich lag Papst und Kurie nichts an der Rettung des Nazismus, des rabiaten Kirchenfeinds. Zudem hörte man in Rom »über Absichten der Partei«, wie von Bergen im Februar 1942 schrieb, »nach dem siegreichen Kriege zu einem Generalangriff gegen die römische Kirche überzugehen«, Meldungen, die den Papst »äußerst beunruhigen«. Was Pius XII. für Nachkriegseuropa erhoffte, waren relativ gemäßigte, seiner Kirche hörige autoritäre Ständestaaten, wie sie das faschistische Italien, Spanien, Portugal, Vichy- Frankreich und Österreich vor der Annexion durch Hitler hervorgebracht, war die Katholisierung des Faschismus, eine Pax Romana, geprägt und gelenkt vom »ewigen Rom«. Auf keinen Fall wünschte er den bedingungslosen Rückzug der Achsenmächte. Deshalb widersetzte er sich der Formel des »unconditional surrender«, von Roosevelt und Churchill auf der Casablanca-Konferenz am 20. Januar 1943 vereinbart.

Der Papst erwartete statt bedingungsloser Kapitulation der Faschisten einen »Verständigungsfrieden«,

Wiederherstellung des Vorkriegszustandes mit vernünftigen, das heißt für das Papsttum profitablen Verbesserungen. Deutschland sollte jedenfalls, vielleicht vom Nazismus befreit, weiterhin Hauptbastion des Bollwerks gegen den Bolschewismus bilden, die Kriegsschuldfrage ausgeklammert werden, ebenso die Wiedergutmachung.

Pius XII. wollte die Vernichtung Deutschlands durch russische Truppen aus Furcht vor dem Kommunismus verhindern. Im Sinne dieser Strategie begannen in der Schweiz Kontaktversuche zwischen dem amerikanischen Geheimdienst, vertreten durch dessen Leiter Allan Dulles (Bull), und Hitlerdeutschland, vertreten durch Fürst Hohenlohe (Pauls). Der Papst selber beschwor anfangs 1943 Roosevelt, die Beendigung des Krieges zu beschleunigen, wofür er seine Mitarbeit anbot, was zweifellos Hilfe für Deutschland bedeutete. Doch der Präsident, der »Seine Heiligkeit« brieflich bereits mit »My dear old friend« ansprach, wollte den Nazismus restlos ausgerottet sehen.

Pius jedoch strapazierte zur Förderung seiner Pläne, einschließlich der Hoffnung natürlich auf eine Kirchenunion in Rußland, seinen engsten Freund, den New Yorker Oberhirten und Feldbischof der Katholiken in der US-Armee. Spellman, einst mit Pacelli für Jesus Christus schon im Staatssekretariat tätig, flog nun für dieselben Herren seit Februar 1943 monatelang umher, wobei er, der mühelos durch das feindliche Gebiet zur V atikanstadt kam, bezeichnenderweise bei Salazar und Franco begann, seinen Reisen aber keinen politischen Hintergrund zuschrieb, sondern rein religiösen Charakter. (Solch religiösem Charakter entsprachen vielleicht noch am ehesten Spellmans Segnungen von Bombenflugzeugen, die dann ihren Segen über deutschen Städten abluden, zum Beispiel am 6. April 1943.)

Bereits nach zweistündigem Gespräch mit dem Pacelli-Intimus intervenierte Franco ganz im Sinn der päpstlichen Intention. »Angesichts der gewaltigen Gefahr des Bolschewismus muß England aus dem Gefühl der europäischen Solidarität heraus rechtzeitig den Weg zu Deutschland finden«, hieß es in Francos Memorandum, das Sir Samuel Templewood Hoare, der Gesandte Großbritanniens beim Römischen Stuhl, an Churchill schickte.

Auch theologisch drängte PiusXII. während des Kriegs mehrmals auf Vereinigung der Christen.

Darf man ja überhaupt den Geistlichen im Politiker nie ganz vergessen - wenn auch kaum einer so geirrt hat wie jener, der bei Antritt von Pacellis Münchner Nuntiatur in ihm »in erster Linie« den »Priester« sah, der »wohl in seiner ganzen Tätigkeit das rein religiöse Moment in den Vordergrund stellen dürfte«. Während die Kurie fortgesetzt Neutralität vorgab, Unparteilichkeit, von Frieden sprach, unterließ sie nichts, um den Achsenmächten zu helfen. Fürchtete man doch mit dem Vordringen Sowjetrußlands das des Kommunismus überhaupt, nicht zuletzt in Italien, wo jetzt sogar linkskatholische Kreise eine christliche Demokratie verlangten.

Am 26. Juli 1943 forderte die Partei der katholischen Demokraten eine Volksrepublik. »Im Vatikan hält man die Lage Italiens für sehr gefährdet«, telegraphierte Weizsäcker wenige Tage später, am 3. August, nach Berlin. »An einen Sieg Italiens und somit der Achse glaubt man nicht mehr.« Der Botschafter betont die Sorge der Kurialen vor dem Kommunismus, erwähnt eine Ansprache des Papstes vom 13.Juni an die italienischen Arbeiter sowie die Verteilung der Rede auf einem Flugblatt in kommunistisch infiltrierten Fabriken.

Am i.September 1943 forderte Pius von Roosevelt erneut einen Versöhnungsfrieden, einen Frieden ohne Sieger und Besiegte, einen Frieden somit zugunsten Deutschlands, das der Papst weiter als Bollwerk gegen die Sowjetunion wünschte. Deshalb sandte er nun Erzbischof Fumini nach London und den Vertreter der amerikanischen Columbusritter in Rom Enrico Galeozzi, in gleicher Mission zum US- Präsidenten.

Doch die Dinge entwickelten sich nicht, wie der Papst glaubte und hoffte.