"1933 unterzeichneten Hitler und der päpstliche Nuntius Pacelli das Reichskonkordat. Damit begann das düsterste Kapitel der jüngsten Papstgeschichte: die unheilige Allianz zwischen Vatikan und Nationalsozialismus."

Alle deutschen Bischöfe riefen 1933 zur Zusammenarbeit mit Hitler auf

Die Politik der Päpste zur Zeit des Nationalsozialismus

Alle deutschen Bischöfe riefen 1933 zur Zusammenarbeit mit Hitler auf

Diese nur grob umrissenen Zusammenhänge muß man kennen, um zu verstehen, mit welch jäher Schwenkung die deutschen Bischöfe, die den Katholiken den Beitritt zur NSDAP bisher geradezu verboten hatten, 1933 plötzlich in ihrer Gesamtheit für Hitler plädierten. Es zeugt von einer erstaunlichen aber gleichwohl typischen Befangenheit (um kein negativeres Wort zu gebrauchen), wenn man noch heute in einem durchaus kritischen Artikel über den politischen Katholizismus des Jahres 1933 anscheinend allen Ernstes an »die Mißbilligung« dieser Entwicklung durch Kardinalstaatssekretär Pacelli glaubt, indem man ihn – wenn auch mit dem Zusatz »laut Pater Leiber« – zitiert: »Warum mußten die deutschen Bischöfe der Regierung so schnell entgegenkommen?«

Noch im Frühjahr 1933 gestanden die Bischöfe auf ihren Konferenzen in Fulda und Freising, sie hätten »in den letzten Jahren gegenüber der nationalsozialistischen Bewegung eine ablehnende Haltung durch Verbote und Warnungen eingenommen«. Nun glauben sie aber – selbstverständlich auf Weisung des Vatikans, wie sich bei der völligen Abhängigkeit des katholischen Episkopats von Rom von selbst versteht –, »das Vertrauen hegen zu können, daß die vorgezeichneten allgemeinen Verbote und Warnungen nicht mehr als notwendig betrachtet zu werden brauchen«.

Und bald wird ihre Bejahung des Naziregimes immer offenkundiger.

In einem gemeinsamen Hirtenbrief aller deutschen Bischöfe vom Juni 1933 heißt es: »Wenn wir unsere Zeit mit der Vergangenheit vergleichen, so finden wir vor allem, daß sich das deutsche Volk noch mehr als bisher auf sein eigenes Wesen besinnt, um dessen Werte und Kräfte zu betonen. Wir deutschen Bischöfe sind weit davon entfernt, dieses nationale Erwachen zu unterschätzen oder gar zu verhindern ... Wir deutschen Katholiken brauchen deswegen auch keine Neueinstellung dem Volk und Vaterland gegenüber, sondern setzen höchstens bewußter und betonter fort, was wir bisher schon als unsere natürliche und christliche Pflicht erkannten und erfüllten ... Es fällt deswegen uns Katholiken auch keineswegs schwer, die neue starke Betonung der Autorität im deutschen Staatswesen zu würdigen und uns mit jener Bereitschaft ihr zu unterwerfen, die sich nicht nur als eine natürliche Tugend, sondern wiederum als eine übernatürliche kennzeichnet, weil wir in jeder menschlichen Obrigkeit einen Abglanz der göttlichen Herrschaft und eine Teilnahme an der ewigen Autorität Gottes erblicken (Rom.13. 1 ff.) ... Auch die Ziele, die die neue Staatsautorität für die Freiheit unseres Volkes erhebt, müssen wir Katholiken begrüßen ...

Wenn die neue staatliche Autorität sich weiter bemüht, sowohl die Ketten zu zerbrechen, die Andere uns schlugen, als auch die eigene Volkskraft und Volksgesundung zu fördern und damit unser Volk zu verjüngen und zu einer neuen, großen Sendung zu befähigen, so liegt auch das ganz in der Richtung des katholischen Glaubens ... Wenn sodann nach dem Willen der staatlichen Autorität die Zerrissenheit und Gegensätzlichkeit innerhalb unseres Volkes endlich der Einheit und Geschlossenheit weichen soll, so findet sie in uns Katholiken auch auf diesem Gebiet verständnisvolle und opferwillige Helfer ...« Nachdem die Bischöfe dann auch eine Reihe von Bedenken angemeldet und Forderungen an das neue Reich erhoben hatten, versichern sie noch einmal ausdrücklich, »daß darin nicht etwa ein versteckter Vorbehalt dem neuen Staat gegenüber« liege. »Wir wollen dem Staat um keinen Preis die Kräfte der Kirche entziehen ... Ein abwartendes Beiseitestehen oder gar eine Feindseligkeit der Kirche dem Staate gegenüber müßte Kirche und Staat verhängnisvoll treffen ...« Dieser Hirtenbrief wurde »im Jubiläumsjahr unserer Erlösung« von allen deutschen Kardinalen, Erzbischöfen und Bischöfen unterzeichnet.

Das ist wohl ein mehr als peinliches Zeugnis vom »Kampf des deutschen Episkopats«.

Der gegenwärtige Münchner Weihbischof Neuhäusler verfuhr deshalb in seinem Buch »Kreuz und Hakenkreuz«, einem vielzitierten katholischen Standardwerk des Kirchenkampfes, bei der Wiedergabe dieses wichtigen Hirtenbriefes, den er beim Charakter seines Buches mühelos hätte ganz abdrucken können, folgendermaßen. Er unterdrückte alle positiven Stellungnahmen der Bischöfe zum Nazismus, die Haupttendenz des Dokumentes, ausnahmslos. Zehn längere Stellen fielen so ganz fort. Neunmal ließ Neuhäusler, ohne Kennzeichnung, Sätze oder kleine Abschnitte weg und veränderte sogar wiederholt willkürlich den in Anführungszeichen stehenden Text. Das Hirtenwort ist in diesem angeblichen Urkundenwerk »derart verändert worden, daß man es fast nicht wiedererkennt«, das Verfahren des Herausgebers »ein Schlag gegen die geschichtliche Wahrheit«.

Die im katholischen Herder-Verlag erschienene Sammlung »Zeugnis und Kampf des deutschen Episkopats, Gemeinsame Hirtenbriefe und Denkschriften« läßt vorsichtshalber die Hirtenbriefe aus den Jahren 1933 und 1934 ganz fort und erwähnt nur im Kommentar einiges davon.

In einer Untersuchung über die katholische Nachkriegsliteratur zum Kirchenkampf kommt Hans Müller im Jahre 1961 zu dem Resultat: »Das, was gesagt oder abgedruckt wird, ist derart einseitig, daß von objektiver Berichterstattung keine Rede mehr sein kann. Wesentliche Dinge werden übergangen, unwesentlichere in aller Breite geschildert. Die vorgebrachten Entschuldigungen sind nur in den wenigsten Fällen wirklich stichhaltig. Die Tendenz, alle Schuld auf die Nationalsozialisten abzuschieben, um das eigene Versagen dahinter besser verbergen zu können, liegt bei den meisten dieser Bücher klar auf der Hand«.

Die bayerischen Bischöfe veröffentlichten im Mai 1933 ein Hirtenwort, um die weithin herrschende Unklarheit, Unruhe und Sorge

vieler Gemüter zu beheben und zur »Klärung und Beruhigung« beizutragen. Noch bis vor kurzem hatten die Bischöfe ihre Gläubigen ja gegen die Nazis aufgestachelt. Jetzt schreiben sie »zur Wiederkehr des inneren Friedens« u. a.: »Unsere jetzige Reichsregierung hat sich große und schwierige Aufgaben gestellt ... Niemand darf jetzt aus Entmutigung und Verbitterung sich auf die Seite stellen und grollen; niemand, der zur Mitarbeit innerlich bereit ist, darf aus Einseitigkeit und Engherzigkeit auf die Seite gestellt werden. Daher rufen wir Bischöfe in tiefer Liebe zu unserem Vaterland ... unsere Diözesanen auf, den Blick nicht mehr zu richten auf die Vergangenheit, nicht auf das zu sehen, was uns trennt, sondern auf das, was uns eint ... Niemand soll sich der großen Aufbauarbeit entziehen«.

Vernehmen wir noch einige einzelne Stimmen deutscher Bischöfe aus dem Jahre 1933.

Der Erzbischof Gröber von Freiburg beschwört am 25. April die deutschen Katholiken, daß sie den »neuen Staat nicht ablehnen dürfen, sondern ihn positiv bejahen und in ihm unbeirrt mitarbeiten müssen«. Im August ordnete der Freiburger Oberhirte an: »Demgemäß besteht kein Hindernis, auch die Fahnen und Abzeichen der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei in die katholische Kirche zuzulassen und deren Aufstellung im Kirchenschiff zu gestatten«.

Der Kardinal von Breslau, der die entschlossene Kehrtwendung des gesamten hohen katholischen deutschen Klerus zum Naziregime mit solch schamlosen Sätzen rechtfertigt wie: »Wiederum hat sich gezeigt, daß unsere Kirche an kein politisches System, an keine weltliche Regierungsform, an keine Parteikonstellation gebunden ist. Die Kirche hat höhere Ziele, ihr obliegen übernatürliche (!) Aufgaben«, verwahrt sich ausdrücklich und energisch »gegen Vermutungen, als sei es der Kirche nicht recht ernst mit ihrem Eintreten für die neu erstandene staatliche Ordnung«.

Bischof Bornewasser von Trier wird geradezu pathetisch:

»Aufrechten Hauptes und festen Schrittes sind wir eingetreten in das neue Reich und sind bereit, ihm zu dienen mit dem Einsatz aller Kräfte unseres Leibes und unserer Seele«.

Weihbischof Burger behauptet gar: »Die Ziele der Reichsregierung sind schon längst die Ziele unserer katholischen Kirche«.

Kardinal Faulhaber von München, der schon dem Kaiser während des Weltkrieges als Feldbischof diente, wurde ein besonders eifriger Parteigänger Hitlers, dem er nun einen handschriftlichen Brief sandte, worin u. a. steht: »Uns kommt es aufrichtig aus der Seele: Gott erhalte unserem Volk unseren Reichskanzler«.

Auch führende katholische Theologen unterstützten Hitler

Aber nicht nur die Bischöfe, auch andere prominente Katholiken bekannten sich nun zur Nazipolitik. Schufen sie doch eine eigene Schriftenreihe, die, wie es der Verlag Aschendorff in Münster auf der Rückseite all dieser Broschüren formulierte, »dem Aufbau des Dritten Reiches aus den geeinten Kräften des nationalsozialistischen Staates und des katholischen Christentums dienen soll«.

Michael Schmaus

In der genannten Reihe des Aschendorff-Verlages erkannte Schmaus völlig richtig: »Ich sehe nämlich in der nationalsozialistischen Bewegung den schärfsten und wuchtigsten Protest gegen die Geistigkeit des 19. und 20. Jahrhunderts«, was der Katholik natürlich positiv wertete. Er ist begeistert über die »Unterdrückung aller schädigenden Einflüsse in Schrifttum, Presse, Bühne, Kunst und Lichtspiel«. Und während er in voller Übereinstimmung mit dem Papsttum des 19. Jahrhunderts den Liberalismus scharf verdammt, bekennt er sich zum »rauschenden Blut und tragenden Boden«. »Die Tafeln des nationalsozialistischen Sollens und die der katholischen Imperative«, erläutert Schmaus, offenbar doch wohl nicht populär sondern wissenschaftlich, »weisen in dieselbe Wegrichtung«, und er bescheinigt der »nationalsozialistischen Vitalität«, daß »in ihr wieder der ganze Mensch zu seinem Rechte kommt, nicht nur eine Seite des Menschen, der Verstand«.

»Sie müssen unterscheiden zwischen einer solchen Populärliteratur und einer wissenschaftlichen, theologischen Interpretation«:.

Michael Schmaus bei einer Disputation über die Misch-Ehe.

Seine gelehrte Interpretation des Nationalsozialismus tat Michael Schmaus in der christlichen Bundesrepublik keinen Abbruch, was heute niemand mehr wundern wird. 1951 wurde er in die Bayerische Akademie der Wissenschaften berufen und Rektor der Münchener Universität. 16 katholische Verbindungen, deren Führer einst ebenfalls begeistert für Hitler eintraten, ernannten Schmaus zum »Ehrenphilister«. Der mit Hitler verbündete Franco verlieh Schmaus das Komturkreuz des spanischen Ordens »Al merito civil«. Und der einst ebenfalls mit Hitler zusammenarbeitende Pius XII. erhob ihn 1952 zum Päpstlichen Hausprälaten.

Joseph Lortz

Ein Kollege von Schmaus, scheut ebenfalls keine Mühe, den Umschwung seiner Kirche plausibel zu machen. Er beklagt auf katholischer Seite »eine wahrhaft tragisch zu nennende Unkenntnis der gewaltigen positiven Kräfte, Ideen und Pläne des Nationalsozialismus, wie sie authentisch in Hitlers Buch ›Mein Kampf‹ bereits seit 1925 allgemein zugänglich niedergelegt waren. An diesem Versäumnis tragen wir alle unser Teil Schuld«. Im Hinblick auf Hitlers »Mein Kampf« spricht unser Katholik von einer »stupenden Sicherheit«, von »ganz überragender innerer Folgerichtigkeit«, ja, er gebraucht die Formulierung »wahrhaft groß«. Theologe Lortz dankt Hitler ergriffen für »die Rettung Deutschlands und dadurch Europas, vor dem Chaos des Bolschewismus«, er verkündet die »Erkenntnis grundlegender Verwandtschaften zwischen Nationalsozialismus und Katholizismus«, er schreibt: »In vielem Wesentlichen kann nur der Katholizismus den Nationalsozialismus erfüllen«, und spricht endlich »zu ihm ein volles ›Ja‹«, und zwar aus einer »doppelte(n) Gewissenverpflichtung«, weil nämlich der Nationalsozialismus nicht nur die rechtmäßige Gewalt in Deutschland sei, sondern »zum überwiegenden Teile Deutschland selbst«.

Eine letzte, besonders bedenkenswerte Stelle sei noch aus Lortz’ Schrift zitiert.

Nachdem er den Liberalismus zu den Todeskrankheiten der Zeit und den Hauptfeinden der Kirche gezählt hat, fährt er nämlich fort: »Dem gegenüber ist es geradezu befreiend, daß endlich in der Moderne außerhalb der Kirche eine große Kraft und Gestaltung des Lebens erscheint, die das verkündet und weit in die Wirklichkeit des Lebens einführt, was im 19. Jahrhundert die Päpste Gregor XVI., Pius IX. und auch Leo XIII. unter dem überheblichen Hohngelächter der ganzen sogenannten gebildeten und fortschrittlichen, für die ›Kultur‹ kämpfenden Welt lehrten bzw. ablehnten, was auch jene Päpste ablehnten: Die Überschätzung der Majorisierung und ihre Verwechslung mit der Autorität; die Forderung schrankenloser Presse- und Redefreiheit, kurz alle Auswüchse, die der individualistische Liberalismus mit dem Wesen der Freiheit verwechselte«. In so bezeichnenden Belangen sieht also der Theologe Lortz eine völlige Übereinstimmung zwischen den bedeutendsten Päpsten des 19. Jahrhunderts und dem Nazidiktator oder, wie Lortz auch schreibt, »dem Katholiken Adolf Hitler«. Und das Schönste ist: er hat recht!

Joseph Pieper

Dieser bekannte katholische theologische Schriftsteller weist 1934 in einer eigenen Schrift die Gemeinsamkeiten zwischen der von Pius XI. 1931 erlassenen Enzyklika Quadragesimo anno und den sozialen Vorstellungen der Nazis nach. »Die sehr weitreichenden, in einzelnen Punkten erstaunlichen Übereinstimmungen zwischen dem Richtbild der Enzyklika und den sozialpolitischen Zielen und Verwirklichungen (!) des nationalsozialistischen Staates sollen deswegen so nachdrücklich verdeutlicht werden, damit den katholischen Christen außerhalb der NSDAP die Brücke sichtbar werde, die das Gedankengut der christlichen Soziallehre verbindet mit der nationalsozialistischen Sozialpolitik, dem Kernstück der Innenpolitik des dritten Reiches«.

Die katholischen deutschen Studentenführer

Auch ihr wiederholtes Eintreten für Hitler sei hier wenigstens noch erwähnt. So erklärte zur Volksabstimmung und Reichstagswahl am 12. November der Verbandsführer des CV. Forschbach: »Wer am 12. November nicht mit ›Ja‹ wählt, bricht seinen Burscheneid, weil er in der Stunde größter Gefahr sein Vaterland und sein Volk verrät«. Die katholische Burschenschaft, die zur Wahl einen ähnlichen Aufruf erließ, hatte schon Anfang September bekannt: »Wir wollen die Burschenschaft, weil wir die Einheit des katholischen und des deutschen Studententums unter nationalsozialistischer Zielsetzung wollen«.

Nun glaubt man heute weithin, das nazifreundliche Verhalten vor allem des deutschen Episkopats sei nur ein kurzer Irrtum gewesen.

Renommieren die Katholiken doch seit dem deutschen Zusammenbruch mit Hunderten von bischöflichen Beschwerden bei Partei und Regierung, mit der Verhaftung von einigen tausend Geistlichen und sogar mit Blutzeugen. Kein deutscher Bischof, beiläufig bemerkt, wurde damals Märtyrer oder saß auch nur in einem Konzentrationslager. Dafür waren geringere Geistliche gut genug. Im übrigen aber verschleiert man mit Hilfe der tatsächlich außerordentlich zahlreichen Zusammenstöße zwischen Episkopat und Partei nur den Sachverhalt.

Denn diese Proteste des hohen Klerus waren nur Prodomo-Proteste.