"1933 unterzeichneten Hitler und der päpstliche Nuntius Pacelli das Reichskonkordat. Damit begann das düsterste Kapitel der jüngsten Papstgeschichte: die unheilige Allianz zwischen Vatikan und Nationalsozialismus."

Der Nationalsozialismus und die christlichen Kirchen

Die Politik der Päpste zur Zeit des Nationalsozialismus

Der Nationalsozialismus und die christlichen Kirchen

Seit dem Ende des ersten Weltkrieges übte der Vatikan maßgeblichen Einfluß auf die deutsche Politik durch den Kardinal Eugenio Pacelli aus. Pacelli, der seine Tätigkeit 1901 in der diplomatischen Abteilung des Vatikans begonnen hatte, lebte seit Kriegsende in Deutschland, zuerst in München, dann in Berlin. Seit 1920 war er päpstlicher Nuntius und wurde 1930 von Pius XI. zum Kardinalstaatssekretär ernannt und schließlich 1939 als Pius XII. selbst Oberhaupt der katholischen Kirche.

»Die Bischöfe, die Nachfolger der Apostel und die Vertreter des Heiligen Stuhles, bekräftigen durch einen in die Hände der obersten Staatsbehörden abgelegten Eid in feierlicher Entschiedenheit ihre Zusammenarbeit mit dem neuen Reich«.

Franz von Papen.

Das politische Instrument der Kurie in Deutschland war die mit bekannten rheinischen Großindustriellen verbundene Zentrumspartei, deren Führer Dr. Marx keine wichtige Entscheidung ohne vorherige Rücksprache mit dem ihm befreundeten Pacelli fällte. Der Einfluß des Kardinals auf die Zentrumspartei wuchs noch, als 1928 Prälat Kaas, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Bonn, Parteivorsitzender wurde. Über ihn steuerte Pacelli, der wiederholt mit Kaas in der Schweiz seinen Urlaub verbrachte, die Zentrumspartei immer mehr nach rechts. Er sympathisierte mit nationalistischen Strömungen und Kreisen, und zwar aus Opposition gegen die wachsende Macht der demokratischen und sozialistischen Gruppen, zumal die Zentrumspartei selbst an Einfluß verlor.

Bereits bei den Wahlen von 1928 erlitt sie durch die Abkehr von fast einer halben Million Wähler eine Niederlage. Und als bei der Reichstagswahl 1932 von über 35 Millionen Stimmen auf die Nazipartei 13,7 Millionen, auf die sozialdemokratische und kommunistische Partei zusammen 13,2 Millionen, auf die Zentrumspartei einschließlich der Bayerischen Volkspartei 5,7 Millionen Stimmen fielen, sah sich der Vatikan veranlaßt – man vergleiche sein Verhalten gegenüber Mussolini –, aus Furcht vor den linken Parteien Hitler an die Macht zu bringen.

Katholik Franz von Papen

Der seine Laufbahn als Militärattaché in Washington begonnen hatte und im Sommer 1932 Reichskanzler geworden war, beseitigte durch einen Staatsstreich die sozialdemokratische Regierung Braun-Severing, hob das Verbot der SA und SS auf und »arbeitete dann«, wie man im katholischen Herder-Lexikon lesen kann, »für die Ernennung Hitlers«. Der Katholik von Papen sicherte Hitler Anfang Januar 1933 im Hause eines Kölner Bankiers die Unterstützung des Papstes zu. Als Gegenleistung forderte Papen die Vernichtung der kommunistischen und sozialdemokratischen Partei, sowie den Abschluß eines Konkordates. Hitler war einverstanden und wurde auf Papens Vorschlag am 30. Januar 1933 von Hindenburg zum Reichskanzler berufen. Papen wurde stellvertretender Kanzler. Am 9. November 1933 bekannte Papen in einer Rede vor der Arbeitsgemeinschaft katholischer Deutscher in Köln: »Seit dem 30. Januar, da die Vorsehung mich dazu bestimmt hatte, ein Wesentliches zur Geburt der Regierung der nationalen Erhebung beizutragen, hat mich der Gedanke nicht losgelassen, daß das wundervolle Aufbauwerk des Kanzlers und seiner großen Bewegung unter keinen Umständen gefährdet werden dürfe durch einen kulturellen Bruch ... Denn die Strukturelemente des Nationalsozialismus sind nicht nur der katholischen Lebensauffassung nicht wesensfremd, sondern sie entsprechen ihr in fast allen Beziehungen«.

Im gleichen Jahr schloß der Katholik von Papen das Konkordat zwischen Nazideutschland und dem Vatikan.

In einem Geheimschreiben aus Rom vom 2. Juli 1933 an Hitler gab Vizekanzler von Papen der Überzeugung Ausdruck, »daß der Abschluß dieses Konkordates außenpolitisch als ein großer Erfolg für die Regierung der nationalen Erhebung gewertet werden muß«. Ja, man bedenke, Papen traf bereits damals in einem geheimen Zusatzprotokoll eine vertragliche Abmachung mit dem Heiligen Stuhl für den Fall der allgemeinen Wehrpflicht in Deutschland! »Ich hoffe, daß Ihnen diese Abmachung«, schreibt Papen an seinen sehr verehrten Kanzler Hitler, »Freude bereitet«.

In den Jahren von 1934 bis 1938 bereitete Papen als deutscher Botschafter in Wien die nazistische Machtergreifung in Österreich vor. Von Papen, der es gerne hören soll, als »frommer Katholik« angesprochen zu werden, erbat nicht nur für die »verfolgten nationalsozialistischen Dulder in Österreich« monatlich 200000 Mark, sondern ersuchte in einer Denkschrift an Hitler auch um Geld für den »katholischen Freiheitsbund« in Wien, um dessen »antisemitische Arbeit zu fördern«. Nach der Annexion Österreichs bekam Papen von Hitler »für treue Dienste« das Goldene Parteiabzeichen, das er »in feierlicher Erregung und mit allen dazu gehörenden Dankesbezeugungen entgegennahm«.

Beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß 1946 wurde der päpstliche Kammerherr Franz von Papen freigesprochen und erhielt von einem westdeutschen Gericht am 9. April 1962 sogar wieder eine Pension zuerkannt.

Theodor Heuß und Hitler

Nach seiner Machtübernahme forderte Hitler ein »Ermächtigungsgesetz«, das ihm den Weg zur Diktatur ermöglichen sollte. Die dafür im Reichstag notwendige Zweidrittelmehrheit erhielt er einerseits durch verfassungswidrige Auflösung der kommunistischen Partei, andererseits durch die Stimmen des Zentrums. Mit Ausnahme einer kleinen oppositionellen Gruppe bekannte es sich unter Führung von Prälat Kaas zu Hitler, da dieser Kaas den Abschluß eines Konkordates mit dem Vatikan zugesichert hatte.

Bekanntlich stimmte damals auch Theodor Heuß dem Ermächtigungsgesetz zu.

Hatte der spätere deutsche Bundespräsident doch schon ein Jahr vor der Machtergreifung Hitler das »gar nicht unliebenswürdige Buch« »Hitlers Weg« (Stuttgart 1932) gewidmet, worin Heuß zwar mancherlei am Nationalsozialismus kritisiert und ironisiert, besonders seine Rassentheorien, aber auch nicht wenig Positives an ihm findet, und vor allem Hitler selbst auffallend schont.

Doch nicht nur dies. Schon angesichts des jungen Hitler entsteht »das Bild eines Faust in der Dachstube«. »Bewundernswert« sei die »Spannkraft«, mit der er den. Fehlschlag des Münchner Putsches vom Jahre 1923 überwinde und nun eine »erstaunliche«, ja »großartige Wendung« einleite. »Und niemand kann der Unverdrossenheit des Mannes die Anerkennung versagen, der . .. aus den Scherben ein neues Gefäß zu fügen unternahm und verstand«. Er habe auch »Grund dazu«, auf die Entwicklung seiner Bewegung »stolz« zu sein. Seine Finanzierung der NSDAP »ist eine fabelhafte Leistung«. Die Einnahme durch die Mitgliedsbeiträge sei aber »nicht bloß eine große Organisationstat«. Hitler habe »auch Seelen in Bewegung gesetzt und einen zu Opfern und Hingabe bereiten Enthusiasmus an sein Auftreten gefesselt«. In seinem Buch »Mein Kampf« referiere der »Menschenbezwinger« in den Abschnitten über Propaganda »mit anschaulicher Aufrichtigkeit«. In seinen Theorien über Volk und Staat erkenne man »die gutgläubige Aufklärungsabsicht einer pädagogischen Darreichung«, in der NSDAP und in ihrem Programm »verwandte Strukturelemente« zur katholischen Soziallehre und zum hierarchischen Bau der katholischen Kirche. Zwar mag »dies und jenes Stück falsch, vielleicht Unsinn« sein, aber: »Hier ist doch ein Wille, der nicht handeln und bandeln, der siegen will.« Dabei wußte Theodor Heuß sehr wohl, daß »Köpfe rollen« würden. Doch immer wieder wird Hitler selbst verteidigt oder sogar gelobt. Immer wieder trifft man Wendungen: »... daraus braucht man ihm keinen Vorwurf zu machen«; »Daß Hitler guten Glaubens war ..., kann nicht bezweifelt werden«; »Er hat natürlich ganz recht, das zu tun«; »... der Erfolg gab ihm recht« usw..

Unter dem Katholiken Adenauer hatte Heuß nicht nur acht Jahre lang das Amt des Bundespräsidenten inne, sondern er erhielt auch den Friedenspreis des deutschen Buchhandels.

Der Katholik Adenauer

Parenthetisch seien Interesse halber auch einige seiner zahlreichen Verdienste um den Nationalsozialismus angeführt, und zwar mit seinen eigenen Worten. So schreibt er in einem bis heute, bis Mitte des Jahres 1962, so gut wie unbekannten Brief vom 10. August 1934 an den Naziinnenminister in Berlin: »Die NSDAP habe ich immer durchaus korrekt behandelt und mich dadurch wiederholt in Gegensatz zu den damaligen ministeriellen Anweisungen und auch zu den von der Zentrumsfraktion der Kölner Stadtverordnetenversammlung vertretenen Anschauungen gesetzt. So habe ich Jahre lang entgegen der damaligen Verfügung des Preußischen Innenministers der NSDAP die städtischen Sportplätze zur Verfügung gestellt und ihr bei ihren Veranstaltungen auf diesen das Hissen ihrer Hakenkreuzfahnen an den städtischen Flaggenmasten gestattet. Ich beziehe mich auf die einschlägigen Akten der Stadt Köln und das Zeugnis des Beigeordneten i. R. Billstein.«

Adenauer weist in einer langen Aufzählung auf sein Eintreten für eine Nazizeitung, für nazistische Beamte hin,

auf sein Entgegenkommen bei nazistischen Veranstaltungen, ja, er betont, ausdrücklich und öffentlich im Winter 1932/33 erklärt zu haben, »daß nach meiner Meinung, eine so große Partei wie die NSDAP unbedingt führend in der Regierung vertreten sein müsse«.

Das Ende der Zentrumspartei

Gewiß kann man einwenden, Hitlers Diktatur habe schon vor dem Ermächtigungsgesetz vom 23. März begonnen, schon mit der Reichstagsbrand-Verordnung und der Heimtücke-Verordnung. Aber das Ermächtigungsgesetz hat die Diktatur in vollem Umfange sanktioniert. – Auf Weisung des Vatikans löste sich die Zentrumspartei am 5. Juli 1933 auf. Da viele Katholiken protestierten, beschwichtigte sie der Vatikan sowohl in einer halboffiziellen Verlautbarung wie durch Staatssekretär Pacelli. Und zur Überraschung vieler gab Zentrumsführer Prälat Kaas nach einer Unterredung mit dem Papst und Pacelli folgende Erklärung ab: »Hitler weiß das Staatsschiff gut zu lenken. Noch ehe er Kanzler wurde, traf ich ihn wiederholt und war sehr beeindruckt von seinen klaren Gedanken und seiner Art, den Tatsachen ins Auge zu sehen und dabei doch seinen edlen Idealen treu zu bleiben ... Es kommt nicht darauf an, wer regiert, wenn nur die Ordnung gewahrt bleibt. Die Geschichte der letzten Jahre in Deutschland hat den demokratischen Parlamentarismus als unfähig erwiesen«.

Wie der Vatikan in Italien durch Beseitigung der katholischen Partei Mussolini den Weg zur Diktatur ebnete, so verschaffte er in Deutschland durch Papen, Kaas und die Auflösung des Zentrums, der ältesten katholischen Partei Europas, Hitler die unumschränkte Macht.