"In keiner Religion ist dieser Fanatismus, die rücksichtslose, vor keinem Frevel zurückschreckende Verfolgung aller Andersdenkenden, so dominierend geworden und geblieben wie im Christentum in all seinen Erscheinungsformen."

Die Kirche und die Sklaverei

Geschichte der Kirche

Die Kirche und die Sklaverei

»Man denkt gar nicht daran, irgend etwas in der Gesellschafts- oder Wirtschaftsordnung zu ändern. Nein vielmehr, man verlangt immer wieder Ungeheueres an Gehorsam von diesen Sklaven«.

Der Theologe Weinel.

Von Jesus wird kein grundsätzliches Wort zur Sklaverei überliefert. Sie war in seinem Gesichtskreis viel weniger akut, in Palästina nicht von der Bedeutung wie in Italien und den älteren römischen Provinzen. Auch ging es den Sklaven der Juden entschieden erträglicher.

Während aber Jesus die Sklaverei nirgends sanktioniert, der ganze Geist seiner Lehre vielmehr dagegen spricht, lehrt Paulus: wie jeder in dem Stande bleiben soll, in dem er sich befindet, so auch der Sklave in der Sklaverei! Selbst wenn er frei werden kann, soll er nur um so lieber dabei bleiben. Paulus denkt also nicht daran, die Sklaverei für ein Unrecht zu erklären, obwohl er, wie seine Bildersprache zeigt, genau das traurige Los der Sklaven kennt, deren Zahl in seinen Gemeinden ja sehr erheblich war.

Im Anschluß an Paulus aber hat die gesamte antike Kirche die Emanzipationsbestrebungen der Sklaven energisch bekämpft.

Bereits der auf Pauli Namen gefälschte 1. Thimotheusbrief befiehlt den christlichen Sklaven, ihren gläubigen Herren nur um so eifriger zu dienen, weil sie Christen seien. Der 1. Petrusbrief fordert Gehorsam auch gegenüber den harten Herren und geduldiges Ertragen ihrer Schläge. Der leidende Jesus wird diesen Elenden sogar als Vorbild hingestellt, ja, wahrscheinlich appelliert man ausgerechnet hier zum erstenmal in der Christenheit an das persönliche Beispiel Jesu. Ihr Joch wurde damals den Sklaven mit dem Ausblick auf seine nahe Wiederkunft versüßt. Als er ausblieb, predigte man weiter die Pflicht des Sichabfindens und verlegte gegen den Wortlaut der Schrift das von ihm verheißene Gottesreich ins Jenseits.

Ganz im Sinne Pauli schreibt im frühen 2. Jahrhundert auch Bischof Ignatius: die Sklaven sollen ihren Freikauf nicht aus der gemeinsamen christlichen Kasse fordern; »sie sollen sich nicht aufblähen, sondern zur Ehre Gottes noch eifriger Sklavendienste tun, damit sie herrlichere Freiheit von Gott erlangen«. Nach der etwa gleichzeitigen »Zwölfapostellehre« müssen die Sklaven ihren Herren »wie einem Abbild Gottes, Untertan sein in Scheu und Furcht«. Die Offenbarung des Petrus, um 200 von der großen Mehrheit der Gemeinde Roms und der abendländischen Christenheit noch als Heilige Schrift gezählt, droht ungehorsamen Sklaven, daß sie einst »ruhelos ihre Zunge zerbeißen und mit ewigem Feuer gequält werden«.

Auch die Kirchenlehrer des 4. und 5. Jahrhunderts denken nicht an Abschaffung der Sklaverei.

Ambrosius, nach Abstammung und Auftreten ein »Herr«, nennt sie – ein Gottesgeschenk. Selbst Johannes Chrysostomos verweist die Sklaven aufs Jenseits. Erst recht hält natürlich Augustinus an dieser Einrichtung fest, die er aus der natürlichen Ungleichheit der Menschen begründet. Er kann sogar einerseits die Sklaven durch die Gottgewolltheit ihres Schicksals trösten, andererseits den Herren den irdischen Nutzen vorstellen, der ihnen aus der kirchlichen Beeinflussung der Sklaven erwächst! Christliche Sklaven aber, die unter Berufung auf das Alte Testament, das in dieser Frage fortschrittlicher als das Neue ist, Freilassung nach sechsjährigem Dienst erbitten, weist Augustinus brüsk zurück.

Ebensowenig sehen die Päpste, die ja nicht nur Rücksicht nehmen auf die Besitzenden, sondern auch auf den immer mehr zunehmenden und ohne Sklaven nicht zu verwaltenden eigenen Besitz, ein Unrecht in der Sklaverei. »Die Päpste ziehen an einem Strange mit den Gutsverwaltern der reichen Großgrundbesitzer«.

Nun ließ Paulus freilich darüber keinen Zweifel, daß »vor Gott« alle Gläubigen gleich seien, womit er, nach einem katholischen Theologen, die Sklavenfrage mit großer Weisheit auf eine höhere Ebene gehoben, durch christliche Motive überwunden und die ganze Institution der Sklaverei innerlich ausgehöhlt hat. Aber

Die religiöse Gleichstellung der Sklaven kannte man schon in vorchristlicher Zeit.

Sie war so wenig neu, wie irgend etwas anderes im Christentum. Schon in der Dionysosreligion gab es die Aufhebung aller Unterschiede der Rasse, der Nation, des Standes und Geschlechts.

Ohne Ansehen der Person stellte Dionysos seine Anhänger, Reiche und Arme, Alte und Junge, Männer und Frauen, auch die Sklaven, auf eine Stufe. Doch auch die Stoa, die eindringlich die Unterstützung der Schwachen und Bedürftigen forderte, alle Menschen gleichberechtigte Brüder und Söhne Gottes nannte, unterschied nicht zwischen Herr und Sklave, Arm und Reich. Ihr erschienen diese Differenzierungen allerdings nicht, wie der Kirche, als gottgewollt, sondern als Resultat einer aus Gewalttat hervorgegangenen Entwicklung. Und die Juden hatten die Sklaven in religiöser Hinsicht wenigstens den Frauen und Kindern gleichgestellt.

Im Christentum aber waren die Sklaven selbst religiös nur in den ersten Jahrhunderten gleichberechtigt und ämterfähig. Dann konnte in der katholischen Kirche kein Sklave mehr Priester werden. Die vermutlich älteste Vorschrift, die den Sklaven das Priesteramt verbietet, steht in einem Brief von Papst Stephan I. aus dem Jahre 257. Damit hielt die Kirche das Eigentumsrecht der Herren aufrecht und paßte sich den Bedürfnissen der besitzenden Klasse an, und zwar um so entschiedener, je reicher sie selbst wurde. Gingen einst sogar Päpste aus dem Sklavenstand hervor, galten der feudal gewordenen Catholica die Sklaven bald als »schäbig«.

Die christlichen Sklaven bedrückte im übrigen die servitus corporis, die leibliche Sklaverei, wohl mehr als die servitus animarum. Sie wollten nicht nur »vor Gott«, sondern auch im bürgerlichen Leben gleichberechtigt sein. Doch wurde eine Änderung ihrer rechtlichen Stellung von der Kirche von Jahrhundert zu Jahrhundert verhindert. Wenn es trotzdem zum Sklavenfreikauf gekommen ist, so schon deshalb, weil er manchen Christen als gutes Werk gegolten hat. Die meisten Freilassungen aber sind aus wirtschaftlichen Gründen erfolgt und nicht Akte humaner Gesinnung gewesen.

Seit der Staat christlich wurde, verschärfte sich eher noch die rechtliche Anerkennung der Sklaverei.

Erfolgte in den ersten Jahrhunderten insbesondere durch die stoische Lehre von der Gleichheit der Menschen ein leichter Umschwung zugunsten der Sklaven, trat im 4. Jahrhundert eine rückläufige Bewegung ein.

Bestanden beispielsweise früher in der Kirche kaum Bedenken dagegen, Sklaven vor Gericht als Zeugen oder Kläger zuzulassen, sprach ihnen die Synode von Karthago (419) dieses Recht ausdrücklich ab. Und später hielt man stets strikt daran fest. Auch an ihrer grausamen Bestrafung änderte die Kirche nichts. Sogar ihre Bekehrung mit Hilfe der Peitsche machte der christliche Staat den Herren zur Pflicht. Wie überhaupt die Gesetzgebung in der katholischen Ära grausamer und härter wurde, so daß man selbst auf orthodoxer Seite »gegenüber der vorkonstantinischen Zeit eine Verschlechterung für die Sklaven« konstatieren mußte.

Noch im 5. Jahrhundert gab es Christen, die über zweitausend und mehr Sklaven geboten. Als die Sklavenwirtschaft zu teuer kam und sich allmählich die Umsetzung in Hörige vollzog – ein Prozeß, der zur relativen Humanisierung ihrer Verhältnisse beitrug –, hielt vielleicht am längsten die Kirche Sklaven, die zuletzt wohl auch am meisten Sklaven besessen und, was es sonst nirgends gab, ihre Freilassung unmöglich gemacht hat. Sie waren als »Kirchengut« unveräußerlich.

Ja, Christi Kirche verstand es, für neuen Sklavenzuwachs Sorge zu tragen.

So erklärte 655 das 9. Konzil von Toledo im eingestandenermaßen vergeblichen Kampf gegen die Unzucht der Geistlichen: »Wer daher vom Bischof bis zum Subdiakon herab aus fluchwürdiger Ehe, sei es mit einer Freien oder mit einer Sklavin, Söhne erzeugt, soll kanonisch bestraft werden; die aus einer solchen Befleckung erzeugten Kinder sollen nicht bloß die Verlassenschaft ihrer Eltern nicht erhalten, sondern auf immer als Sklaven der Kirche angehören, bei der ihre Väter, die sie schandmäßig erzeugten, angestellt waren«.

Selbst die Klöster hielten Sklaven, sowohl zum Dienst im Kloster wie zur Bedienung der Mönche, deren kulturelle und ökonomische Arbeit zunächst nicht karitativen Tendenzen entsprang, sondern der Absicht, sich wirtschaftlich als »Herren« zu behaupten. Die alte Kirche sah in der Sklaverei eine unentbehrliche, zur Ordnung der Welt gehörende Institution. Sie war für sie so selbstverständlich wie der Staat oder die Familie und wurde nach übereinstimmender Anschauung der kritischen Forschung von der Kirche geradezu gefestigt. Ihr nahestehende Kreise verteidigen dies nicht nur durch den üblichen Hinweis auf die »innere Freiheit«, die das Christentum den Sklaven gebracht und »über alles« zu schätzen gelehrt habe, sondern auch durch ihre »demütige Unterwerfung. Es hielt die revolutionären Triebe seiner Anhänger nieder, es bewahrte die Welt vor der Entfesselung ungezügelter Massen, indem es innere Freiheit vor äußerer Befreiung als Ziel setzte«. Mit anderen Worten: während der Sklave früher nur aus Ohnmacht und nackter Furcht gehorchte, hat die christliche Kirche seinen Kadavergehorsam zu einer sittlichen Pflicht gemacht.

Auch während des ganzen Mittelalters behielt die Kirche die Sklaverei bei.

»Alle in theologischen Werken üblichen Verherrlichungen des Christentums, daß es im Mittelalter wenigstens die Sklaverei abgeschafft habe, beruhen auf krasser Unwissenheit oder verlogener Apologetik. Ungefähr das Gegenteil ist wahr ... Wo sie in Europa aufhörte, sind politische und ökonomische Verhältnisse die Ursache; niemals aber ein Verbot der Kirche. Ja, die Sklaverei nimmt in Südeuropa gegen Ende des Mittelalters einen Aufschwung, und die Kirche ist nicht bloß am Sklavenbesitz beteiligt, sondern verhängt auch geradezu Versklavung als Strafe in den verschiedensten Fällen!«

Der Theologe Troeltsch.

Das Feudalsystem des Mittelalters, seine Klassenprivilegien, Leibeigenschaft, Sklaverei, das alles galt der Kirche bis in die Neuzeit als gottgegeben und gottgewollt, als ein Widerschein himmlischer Ordnung. Thomas von Aquin hat die Beibehaltung der Sklaverei gerechtfertigt. Wie der offizielle Kirchentheologe ja etwa verschieden hochgestellte Personen vor Gericht auch verschieden bestraft sehen will. Die Lohnarbeiter stellt der hl. Thomas »unter die Banausen und schmutzigen Leute«, und die Bauern sind für ihn »eine untergeordnete Klasse«. Niemand darf nach Thomas über seinen Stand hinausstreben, also auch der Sklave nicht über die Sklaverei. So urteilte zwölfhundert Jahre früher schon Paulus.

Während des ganzen Mittelalters verwarf die Kirche weder die Sklaverei noch den Sklavenhandel. Vielmehr hielt sie selbst noch in der Neuzeit in außereuropäischen Ländern zahlreiche Sklaven. Auch die moderne amerikanische Negersklaverei ist eine unmittelbare Fortsetzung der Sklaverei des Mittelalters und wurde, so lang sie bestand, mit denselben theologischen Argumenten gestützt. Im christlichen Abessinien aber gibt es noch heute Sklavenmärkte.

Bereits im Jahre 257 erließ der römische Bischof Stephan I. das erste gegen Sklaven gerichtete Verbot. Und erst im 19. Jahrhundert hat die Kirche durch Papst Gregor XIV. die Verteidigung der Sklaverei ausdrücklich untersagt. Wie hätte sich auch eine Institution, deren Bischöfe besonders in Frankreich und Deutschland sogar ihre Kleriker martern und durchprügeln ließen, gegen Sklaven human benehmen sollen!

Alle Versuche, das Elend der Massen an der Wurzel auszurotten und grundlegende soziale Verbesserungen zu schaffen,

sabotiert die Kirche seit der ausgehenden Antike als ein Aufbäumen gegen die gottgegebene Gesellschaftsordnung. War Jesu Lehre revolutionär bis ins Extrem, entwickelte sich die Kirche zu einer rein konservativen Macht und lenkte, während sie selbst ungeheuer reich wurde, den Blick ihrer gläubigen Armen auf den Himmel, der einst alle ihre Träume erfüllen soll.

Auch Luther hat sozial völlig versagt, hat, trotz gelegentlichen Tadels derselben, Hand in Hand mit den Fürsten gearbeitet, die abgründige Not der Bauern ingoriert, ja, in einer Schrift »wider die stürmenden Bauern« alle Welt aufgefordert, sie »zu würgen, zu stechen, heimlich (!) und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund todtschlagen muß«. Bis ins 20. Jahrhundert hinein hat seine Haltung die Macht des Landesfürstentums gefördert.

Alle sozialen Erleichterungen der Neuzeit wurden nicht durch die Kirche, sondern gegen sie geschaffen. Fast alle humaneren Formen und Gesetze des Zusammenlebens verdankt die Menschheit verantwortungsbewußten außerkirchlichen Kräften. Ehrliche Theologen leugnen dies nicht. Noch einem der bedeutendsten, Martin Dibelius, ist die Kirche geradezu als »Leibwache von Despotismus und Kapitalismus« erschienen.

»Darum waren alle, die eine Verbesserung der Zustände in dieser Welt wünschten, genötigt, gegen das Christentum zu kämpfen«.