"Niemand vor Stalin und Hitler hat in Europa das menschliche Leben so unentwegt aufs äußerste verachtet, in den Staub getreten, ja diese Vernichtung als »gottgewollt« verkündet wie die christliche Kirche."

Wozu der Mensch da ist

100 Gründe gegen die Kirchen

Wozu der Mensch da ist

Zwei Mängel haften den Gläubigen an: zuviel Ignoranz, zuwenig Redlichkeit. Verstockte, hartherzige und hart denkende Christen wissen kaum etwas von ihrer eigenen Konfession. Auch sind sie in der Mehrheit »Laien«. Einige wenige wissen zwar einiges, doch sie sind nicht redlich genug, Konsequenzen daraus zu ziehen - ihre Religion aufzugeben.

Dem ersten Mangel, der Ignoranz, kann dieses Kapitel begegnen, indem es Fakten zum Nachdenken vermittelt. Den zweiten Mangel kann es nicht beseitigen. Wer unredlich denken und handeln will, wer gar durch seinen Brotberuf mit der Unwissenheit anderer spielt, wer also »Kleriker« ist, der ist zwar bloßzustellen, doch zu helfen ist ihm nicht.

Ein einschlägiger Text des Neuen Testaments (Lk 10, 30-37) beschreibt den Normalfall christlicher Nächstenliebe:

den Kleriker, der an einem verwundeten Menschen vorbeigeht, ohne ihm zu helfen. Geholfen hat dem »unter die Räuber Gefallenen« der barmherzige Samariter, der von den sogenannten Guten ausgestoßene Fremde. Das ist eine zeitlose Geschichte. Immer wieder sehen - nichts wissen wollen, nichts tun. Millionen von Opfern, die das Christentum auf dem Gewissen hat, verdauen - nichts bereuen. Ein Sehen, das nicht hilft, ein Wissen, das nichts nützt. Eine »Räuber- und Passantengesellschaft«, eine christliche Gegenwart.

Kleriker können weiter an ihren »Katechismus« glauben. Der Vatikan denkt sich gerade den neuesten aus. Seine »ewigen Wahrheiten« hängen allerdings meist vom Zeitgeist ab: Nicht weniger als 24 000 Änderungsvorschläge zum kurialen Entwurf wurden bisher eingereicht. Eine Heidenarbeit wartet auf die christlichen Sachverdreher in Rom. Doch viel Neues wird ihr »Katechismus« 1992 nicht bringen, nur Altes neu verpackt. Kleriker können deswegen bei ihrem Glauben bleiben. Bloß eines sollen sie künftig nicht mehr so erfolgreich tun dürfen: jene, die weniger Schimpf und Schande der Kirchen kennen als sie, dafür aber redlich denken und handeln, ideologisch verführen und finanziell schröpfen. Alle Versuche, Glauben und Gehorsam interessengeleitet zu begründen, müssen enden.

Wenn das Kapitel sich »gegen« etwas richtet, dann gegen diese Kirchenleute und ihre Achtelwahrheiten. Wenn es sich um die ganze Wahrheit der Kirchen bemüht, wenn es ihre dunklen Seiten zeigt, wenn es gar nachweist, daß diese Seiten vorherrschen, dann ist es zwar nicht »ausgewogen« in dem Sinn, den pfäffisch Denkende gern hätten. Dann ist es parteiisch. Ebenso parteiisch wie die tausend und abertausend Traktätchen der Kleriker, die nur eine helle Institution ablichten — und die gleich lautstark klagen, wenn den tausend Büchern der Unwahrheit und der Achtelwahrheiten ein einziges gefährlich zu werden droht, weil es die historische Wahrheit sagt.

Ein »Anti-Katechismus« ist so lange notwendig, wie die Gründe, die er gegen die Kirchen und für die Welt nennt,

ebensowenig in den offiziellen Katechismen auftauchen wie die Fakten aus Geschichte und Gegenwart des real existierenden Christentums. Die Gewichte, die dieser Anti-Katechismus setzt, sind freilich nicht nur eigenbestimmt. Sie bemessen sich nach den Vorgaben der Kirchen. Was diesen so wichtig ist wie Geld, Macht, Krieg, greift dieses Kapitel ausführlicher auf und an als die Nebenthemen des klerikalen Alltags wie Geist, Nächstenliebe, Gott.

Hoffentlich läßt sich niemand ins Bockshorn jagen von jenen, die Jahrhunderte hindurch mit Unwahrheiten bares Geld gescheffelt haben und es weiterscheffeln. Hoffentlich ist der Mut derer groß genug, die sich nicht mehr anlügen lassen wollen. Hoffentlich verfliegt der Weihrauch. Hoffentlich wird eines Tages die Luft so rein, daß Menschen atmen können.

  • Wozu der Mensch da ist?
Gewiß nicht, um auf den Knien zu liegen und jene auch noch zu bezahlen, vor denen er kniet, die ihn belügen und beherrschen.