"Niemand vor Stalin und Hitler hat in Europa das menschliche Leben so unentwegt aufs äußerste verachtet, in den Staub getreten, ja diese Vernichtung als »gottgewollt« verkündet wie die christliche Kirche."

Wer hatte Lust daran, »Hexen« foltern zu lassen?

100 Gründe gegen die Kirchen

Wer hatte Lust daran, »Hexen« foltern zu lassen?

Vom 13. bis ins 19. Jahrhundert hinein verbrannte zunächst die katholische, dann auch die protestantische Kirche Frauen, die sie als »Hexen« definiert und damit zum Vernichten freigegeben hatte. Primitivster Geister-, Dämonen- und Teufelsglaube - selbst bei dem Kirchenlehrer Papst Gregor I. - verbindet sich mit einem durch und durch rational kalkulierten Machtwillen, es denen einmal richtig zu zeigen, die Klerikermänner fürchten und hassen: den Hexenweibern.

  • Frauen in der Kirche?

Richtige Priester schütteln sich.

  • Kluge Frauen für die Kirche, die in der Gemeinde nicht nur fromm vor sich hin schweigen, sondern den Mund auftun?
  • Die gar mehr wissen von Gott und der Welt als die beamteten Pfaffen?

Da sei Gott vor, da muß »man« eingreifen, denunzieren - und töten.

Entgrenzungsvorgänge, historisch zu belegende Prozesse, in denen Menschen sich den gewohnt klerikal-patriarchalen Definitionsmächten entzogen, hat es immer gegeben. Manche von ihnen, die Bauernkriege, die Ketzerbewegungen, sind noch greifbar, auch wenn die Sieger alles getan haben, um das Gedächtnis in den Menschen neu zu formulieren. Die »damnatiomemoriae«, die Auslöschung und negative Sanktionierung bestimmter Erinnerungen, hat ihre Geschichte. Aber sie ist nicht nur eine Sieger-Historie. Auch die Opfer leben weiter. Hunderttausende von sogenannten Hexen sind verbrannt, ihre Überreste weggeworfen worden, nichts sollte an sie erinnern.

Ihre Mörder haben zum Teil noch heute ihre Erinnerungsstätten; Straßen und Plätze wurden nach ihnen benannt. Die Namen der Opfer sind gelöscht. Und doch hält sich das Gedächtnis an sie. Aus dem vergessen Gemachten wird das politisch Erinnerte. Die Prozesse der Vernichtung blieben nicht das letzte Wort der Geschichte. Die Antriebe jener, die Hexenpogrome brauchten, um sich selbst vor Ansteckung zu bewahren, werden offengelegt. Der »Hexenhammer« (1487), eines der blutrünstigsten Bücher der Welt und schon deswegen mit päpstlichem Segen erschienen, sagt aus, was alle Patriarchen-Kleriker denken und fühlen:

»Also schlecht ist das Weib von Natur, da es schneller am Glauben zweifelt,

auch schneller dem Glauben abschwört, was die Grundlage für Hexerei ist.« Hexenverfolger wissen genau, was sie tun, wenn sie mordbrennen: Ihre Angst vor der Rache der wissenden Frauen schlägt um in Haß, in Verleumdung fremden Lebens. Die Verbindung von Vergeltungsangst und Schuldgefühl, die Kleriker zum Töten treibt, braucht eine Erlösung. Diese muß wieder systemimmanent sein, also in einer patriarchal bestimmten »Vaterreligion« wie dem Christentum aufgehoben werden.

Augustinus, Heiliger und Kirchenlehrer, ein Schreibtischtäter mit widerwärtigsten Gedankenleistungen, geht von einem sexuell bestimmten Teufelspakt der Frauen aus. Dieser ermöglicht es, daß alle Mittel, Manipulationen, Worte, Gebärden ein besonderes Zeichensystem ausbilden, mit dessen Hilfe Dämonen und Hexen korrespondieren können. Kleriker sind folglich gezwungen, ihren eigenen Logos gegen die zauberische Alternative zu verteidigen. Tod den Alternativen.

Das Wort Hexenwahn verhüllt bewußt. Historisch war hier eben kein Wahn am Werk, sondern eine überlegte Strategie.

Zwischen 1258 und 1526 sind nicht weniger als 47 päpstliche Erlasse gegen die Hexen erschienen. Klerikermänner und ihre Helfershelfer aus dem »gläubigen Volk« haben alle Medien der Epoche gewandt benutzt, alle Maschinen eingesetzt, alle Methoden durchgearbeitet. So gab es nicht nur Flugblätter, die den Mord geistig vorbereiteten, sondern auch Fangprämien für eingebrachte Frauen, schrankenlose Torturen, technisch auf dem neuesten Stand und immer wieder verbessert. »Du sollst so dünn gefoltert werden, daß die Sonne durch dich scheint«, hieß eine Hexenformel.

Eine Viehseuche im Erzbistum Salzburg führte 1678 zum Feuertod von 97 Frauen. Der Bamberger Bischof mordete um 1630 an die 600 Menschen, und sein Vetter, der Oberhirte zu Würzburg, brachte es auf 1200 Morde. Mitte des 17. Jahrhunderts klagt ein Pfarrer aus Bonn, gewiß gehe bald die halbe Stadt drauf, zumal unter dem Druck des Kölner Erzbischofs bereits dreijährige Kinder wegen ihrer »Buhlteufel« verbrannt worden waren. Überall wurden Frauen »weggebeizt« und »weggeputzt«, wie die christlichen Chroniken prahlen.

»Da wir nun die alten nahezu erledigen und hinrichten ließen«,

meint Landgraf Georg von Darmstadt 1582, »so geht es jetzt an die jungen ...« In vielen protestantischen Territorien starben noch mehr Hexen als in katholischen. Im Braunschweigischen, wo protestantische Kleriker Ende des 16. Jahrhunderts oft zehn an einem Tag verbrannten, sahen die Pfähle, an denen die Frauen standen, bei Wolfenbüttel wie ein verkohlter Wald aus.

Und noch im späten 18. Jahrhundert zeigte sich ein evangelischer Bischof in Schweden tief betrübt über die neue »freidenkende Zeit«, die sich dagegen wehre, angeklagte Hexen zu verheizen. Steht etwa in den Gemeinden, die noch immer ihre Straßen und Plätze nach Mördern benennen,

  • auch nur ein einziges Denkmal für die Opfer?
Schon die Antwort auf diese Frage verurteilt die »Religion der Liebe«.