"Niemand vor Stalin und Hitler hat in Europa das menschliche Leben so unentwegt aufs äußerste verachtet, in den Staub getreten, ja diese Vernichtung als »gottgewollt« verkündet wie die christliche Kirche."

Was hat die Kirche eigentlich für die Dritte Welt getan?

100 Gründe gegen die Kirchen

Was hat die Kirche eigentlich für die Dritte Welt getan?

Aus Kirchensteuermitteln wird den Entwicklungsländern kaum geholfen. Was ihnen zufließt, stammt überwiegend aus Spendengeldern. Überall hält man die Deutschen für spendefreudig. Sie haben Geld, raunt es ringsum, und sie geben es für gute Zwecke aus. Worauf es ankommt: »gute Zwecke« erfolgreich zu definieren. Die Kirchenlobby ist darin seit langem beispielgebend tätig. Wer das Spendengeld ausgibt und wie er es ausgibt, unterliegt bis heute manchem Zweifel.

Der katholische Kirchenrechtler Georg May (Mainz) meint, die Gläubigen seien davor zu schützen,

»ihre Opferbeiträge zu unkatholischen Zwecken verwendet zu sehen«. Am wirksamsten werde dieser Schutz »immer noch von dem universalen Hoheitsrecht des Heiligen Vaters gewährleistet«. Das impliziert, daß den Landesbischöfen selbst in dieser Hinsicht nicht zu trauen ist.

Gezahlt wird dennoch. Amtliche Kollekten der evangelischen Landeskirche, die den geringeren Teil des Spendenauf kommens ausmachen, ergaben in West-Berlin zwischen 1970 und 1986 pro Jahr durchschnittlich 1,5 Millionen DM. Die bundesdeutschen Katholiken haben 1980 nicht nur 4,5 Milliarden DM an Kirchensteuer aufgebracht, sondern auch 1 Milliarde DM an Spenden. 1979 wurden für das Lateinamerika-Hilfswerk »Adveniat« 105 Millionen DM, für das bischöfliche Hilfs-werk »Misereor« 102 Millionen DM und für das Hilfswerk »Missio« 100 Millionen DM gespendet.

Die sogenannten missionierenden Orden haben 1980 etwa 138 Millionen DM in Länder der Dritten Welt investiert; 85 Prozent dieser Mittel stammten aus Spenden von Katholiken der Bundesrepublik. Weitere Gelder kommen aus staatlichen Zuschüssen zur katholischen »Entwicklungshilfe« — die stets Mission ist — sowie von Spenden deutscher Glücksspiel-Unternehmen. Die Kirchen erhalten ferner Jahr für Jahr von staatlicher Seite einen Zuschuß in Höhe von über 100 Millionen DM für ihre Missionsprojekte; die »Glücksspirale« hat 1984 rund 4 Millionen DM an die Caritas bezahlt.

Die sogenannten guten Zwecke sind selten fest umrissen.

Zum einen lassen heutige Theologen häufig eine endzeitliche Aufgeregtheit erkennen, wenn sie soziale Themen ansprechen. Sie »schwelgen in weltweiten Dimensionen des Hungers, der Not und der Unsicherheit« (Religionssoziologe Günter Kehrer). Konkrete Korrekturen, partielle Lösungen, kleine Schritte sind ihnen zuwenig. Zum anderen streuen Bischöfe Sand in die Augen der Spender.

Das bischöfliche Hilfswerk für Lateinamerika mit dem sinnigen Namen »Adveniat« (»Dein Reich komme«) rechnet offensichtlich nicht mit dem geschichtlichen Gedächtnis der Menschen. Denn nach Südamerika ist das »Reich« schon einmal gekommen, und der Subkontinent trägt noch heute schwer an den Folgen. Seine Länder haben sich nicht von diesem mörderischen Ereignis erholt. »Die Christen«, schreibt ein Beobachter aus dem 16. Jahrhundert der Mission,

»drangen unter das Volk, schonten weder Kind noch Greis, weder Schwangere noch Entbundene,

rissen ihnen die Leiber auf und hieben alles in Stücke, nicht anders, als überfielen sie eine Herde Schafe... Sie machten auch breite Galgen ... hingen zu Ehren und zur Verherrlichung des Erlösers und der 12 Apostel je dreizehn und dreizehn an jeden derselben, legten dann Holz und Feuer darunter, und verbrannten sie alle lebendig. . . Da nun die Indianer, welches jedoch nur ein paarmal geschah, einige Christen in gerechtem und heiligem Eifer erschlugen, so machten diese das Gesetz unter sich, daß allemal hundert Indianer umgebracht werden sollten, so oft ein Christ von ihnen getötet wurde.«

  • Adveniat?

Die Insel Haiti war von einem hochstehenden Indianervolk besiedelt.

Bei Ankunft der Katholiken lebten dort über eine Million Einwohner, wenige Jahre später waren es gerade noch tausend. Johannes Paul II. aber sagte bei seinem Besuch auf der Insel: »Die Kirche möchte sich den Indios widmen. Heute ebenso, wie sie es an ihren Vorfahren tat. Hier wurde unter Schwierigkeiten und Opfern Schönes erreicht.« Derselbe Papst leistete es sich, 1980 einen der Indio-Missionare zur Ehre der Altäre zu erheben, einen »Apostel Brasiliens«, der seinerzeit gerufen hatte: »Schwert und Eisenrute sind die besten Prediger!« Von einem Widerspruch derer, die das Hilfswerk »Adveniat« bedienen, verlautete bis heute nichts.

Nichts gegen die Spendenfreudigkeit deutscher Katholiken. Sie verschafft ein gutes Gewissen und von seiten des Papstes hohes Lob.

  • Ob aber auch nur einer von denen, die Jahr für Jahr für den guten Zweck des »bischöflichen Hilfswerks« spenden, über die mörderischen Umstände der ersten »Ankunft des Gottesreiches« in Lateinamerika informiert worden ist?

Von einem Schuldbekenntnis des Papstes und seiner Kirche wurde nichts bekannt.

Von einer Entschädigungsleistung ebensowenig, die die »Liebesreligion« an die Erben jener millionenfachen Blutopfer entrichtet hätte.

  • Adveniat?

In Brasilien besitzen heute drei Prozent der Einwohner fast zwei Drittel der Fläche des ganzen Landes. In manchen Regionen kommt auf 300 000 Einwohner ein einziges Krankenhaus.

  • Hat das Christentum in den letzten 500 Jahren zur sozialen Ordnung auf diesem Hunger-Kontinent geführt?

Der Papst, Haupt des millionenschweren Vatikans, sagte den Ärmsten da drüben seine »besondere Zuneigung« zu.

  • Ob er aber aus seinen eigenen Beständen mitzahlt?

Hilfswerke wie die bundesdeutschen »bischöflich« zu nennen ist ein grober Etikettenschwindel.

Bischöfe helfen am allerwenigsten. Sie lassen nur jene Gelder verteilen, die Nichtbischöfe gespendet haben. Kein Spender kann darüber bestimmen, wohin sein Geld fließt. Das regeln allein die Oberhirten, die innerkirchliches Wohlverhalten in Lateinamerika finanziell belohnen können oder nicht. Immerhin liegt ein Bericht vor, nach dem südamerikanische Bischöfe die dortigen »Befreiungstheologen« per Computersystem überwachen lassen.

  • Wer wohl diese Datenbank finanziert hat?

Ein weiterer Bericht existiert, wonach Bischöfe in Lateinamerika in Palästen residieren, die Zeitungen kontrollieren, zu den das Volk ausbeutenden Politikern stehen und das ihnen selbst gespendete Geld für die dubiosesten Zwecke verwenden. »Während meiner Anwesenheit in Lateinamerika verbrachten die Geistlichen aller Ränge ihre Zeit damit, Geldsammlungen zu veranstalten; vom Ergebnis behielten sie, wenn sie zum Beispiel zehntausend Dollar erhalten hatten, viertausend für sich, und für den Zweck, für den die Spende erhoben worden war, wurden am Ende noch zweitausend Dollar ausgegeben.«

Dies Urteil stammt von dem katholischen Geistlichen Giuliano Ferrari,

der - mit etwa fünfzig Kardinalen bekannt, mit prominentesten Kurienkardinälen wie Tisserant, Bea, Confalonieri befreundet, mit Kardinal Samore eng befeindet - nach wiederholten Mordversuchen (so er selbst, der zur »Mörderbande« auch Bischöfe zählte und namentlich nannte) am 3. Juli 1980 in einem leeren Abteil des Schnellzugs Genf-Paris tot aufgefunden wurde.

Wörtlich erklärt der katholische Priester, der die katholische Kirche als das »größte und schmutzigste Geschäftsunternehmen der Welt« bezeichnet: »Hätten die Leute vom Reichtum der Bischöfe oder der Religionsgemeinden auch nur die leisteste Ahnung, dann würde niemand mit Verstand in Zukunft irgendeine weitere Zuwendung, welcher Art auch immer, leisten.«

»Misereor« heißt ein anderes Hilfswerk. Das Wort stammt von jenem, der da allein berechtigt war, sich arm zu nennen, Jesus aus Nazareth. »Das Volk erbarmt mich« (Mt 15, 32), ein Wort, das nur zu ihm paßt, aber nicht zu irgendeinem bischöflichen Werk. Er kann sich allerdings nicht mehr gegen seine Erben wehren. »Es ist nicht Aufgabe des Evangeliums, an den bestehenden Verhältnissen irgend etwas zu ändern«, meinte 1952 ein offizielles Heft zur Vorbereitung des Stuttgarter Evangelischen Kirchentags.

Christliche Soziallehre ist karitativ ausgerichtet, nicht kreativ.

Sie reagiert auf bestehende Verhältnisse, krempelt diese nicht um. Sie kuriert Symptome, zielt keine strukturellen Ursachen an. Johannes Paul II. hat noch 1990 gelehrt, das Evangelium dürfe »niemals durch eine besondere Sensibilität für soziale Probleme verdunkelt« werden.

Seine Praxis, den Protzbau eines zweiten Petersdoms an der Elfenbeinküste als Geschenk anzunehmen, entspricht dieser Theorie.