"Niemand vor Stalin und Hitler hat in Europa das menschliche Leben so unentwegt aufs äußerste verachtet, in den Staub getreten, ja diese Vernichtung als »gottgewollt« verkündet wie die christliche Kirche."

Spricht die Kirche für das Volk?

100 Gründe gegen die Kirchen

Spricht die Kirche für das Volk?

Die Wahrheit ist konkret; große Worte machen sie ebensowenig aus wie Fensterpredigten. Machiavelli, ein genauer Beobachter der Wirklichkeit, erkannte in den Jahren zwischen 1510 und 1520, »daß die Völker am wenigsten Religion haben, die der römischen Kirche, dem Haupt unseres Glaubens, am nächsten sind«. Im Kirchenstaat, einer wahren Klerokratie, in der Priester und Polizei kommandierten, gab es noch im 19. Jahrhundert 70 Prozent Analphabeten. Ein weiteres geschichtliches Faktum erlaubt andere Einblicke in das undemokratische Innenleben einer »Volks«-Kirche am Hauptsitz Rom: In einer Volks abstimmung im Herbst 1860 hatten sich scho n 230 000 Menschen gegen die päpstliche Herrschaft in den Provinzen Umbrien und den Marken entschieden, und nur 1600 hatten für Pius IX. gestimmt.

Das hielt den Souverän nicht davon ab, nach wie vor ein Fünftel der landwirtschaftlichen Fläche von ganz Italien zu beanspruchen und den Seinen die Freiheiten zu versagen, die sie außerhalb seines Machtbereichs schon längst errungen hatten.

Als der Papst schließlich 1870 seinen Staat verlor,

obgleich die Bischöfe des Erdkreises immer wieder versichert hatten, das weltliche Regiment des Heiligen Vaters - und wohl auch die 40 000 Quadratkilometer Landbesitz - sei von Gottes Vorsehung gewollt, und als sich bei einer Volksabstimmung 133 000 Wähler für den Anschluß an Italien (und nur 1500 dagegen) ausgesprochen hatten, zog sich Pius IX. schmollend in seinen Vatikan zurück. Entschädigungsangebote lehnte er ab. Aber nicht etwa, weil er der Auffassung war, sein früheres Territorium sei ohnedies von seinen Vorgängern zusammengestohlen gewesen, sondern weil er auf eine Befreiung aus seiner »Gefangenschaft« hoffte.

Schon 1871 wollte er allen Ernstes, daß das Deutsche Reich ihn militärisch (»Kreuzzug über die Alpen«) aus seiner Lage befreie und die »Beraubung des Heiligen Stuhles« rückgängig mache. Da hätte er lange warten können. Ganz so dumm schössen die Preußen nicht. Befreit wurden die im Vatikan »gefangenen« Päpste erst von Mussolini. Der Faschismus Italiens machte ein für allemal klar, wie gute Christen mit ihren Päpsten umzugehen hatten. Daß der Name Mussolini in goldenen Lettern in die Geschichte der katholischen Kirche eingetragen werde, stand 1929 in einem Glückwunschtelegramm aus Köln.

  • Absender?

Konrad Adenauer.

Papst Pius IX., dessen Eigensinn die Kirche das Dogma von der »Unfehlbarkeit« verdankt, ist zu Recht schon lange nicht mehr im Gespräch. Er war ein Zeitirrtum. Einmal mehr zeigt sich deutlich die historische Erfahrung der Menschen: Grundrechte müssen gegen die Amtskirche durchgesetzt werden. Mit ihr zusammen läßt sich nichts bewegen. An der Emanzipation des neuzeitlichen Menschen hat die Kirche so gut wie keinen Anteil. Martin Dibelius, ein bedeutender protestantischer Theologe aus Deutschland, sagte einmal knapp:

»Darum waren alle, die eine Verbesserung der Zustände dieser Welt wünschten, genötigt, gegen das Christentum zu kämpfen.«

Mit der Demokratie hatte der Vatikan - bis heute Sitz einer in Europa einmaligen absoluten Monarchie — nichts im Sinn. Immer wieder kamen von Papst und Bischöfen antidemokratische Äußerungen: Rom weigerte sich aus Gründen der Selbsterhaltung, die bürgerlichen Rechte auch nur von fern anzuerkennen.

Meinungsfreiheit und Pressefreiheit blieben ihm ein Greuel. Zur Erinnerung: Die Erklärung der Menschenrechte zu Beginn der Französischen Revolution wurde von der Kirche mit einer Verlautbarung beantwortet, die diese Menschenrechte - Gedankenfreiheit, Religionsfreiheit, Rede- und Pressefreiheit — als Ungeheuerlichkeiten verdammte. Woher der tschechoslowakische Staatspräsident Vaclav Havel das Recht nimmt, den Papst, der von einem »unter dem siegreichen Zeichen des Kreuzes« vereinten Europa träumt, als »unseren Lehrer und Mitstreiter für die Ideale der Menschenrechte« zu bezeichnen, bleibt unerfindlich.

  • Hält Havel, von dem früher anderes zu hören war, das Gedächtnis der Menschen für erschöpft?

Fuldas Bischof Johannes Dyba schmähte noch 1989 die Französische Revolution als »Machtübernahme der Gottlosen«, die »vor 200 Jahren zum ideologischen Völkermord geführt« habe. Die ideologischen Völkermorde (Religionskriege, Kreuzzüge, Inquisition, Indianerausrottung), die seiner eigenen Kirche anzulasten sind, hat er in diesem Zusammenhang zu erwähnen versäumt. Hierzulande kann sich ein Kleriker so etwas noch immer leisten.

Und wenn niemand auf ihn hört, läßt er die Glocken rufen.