"Niemand vor Stalin und Hitler hat in Europa das menschliche Leben so unentwegt aufs äußerste verachtet, in den Staub getreten, ja diese Vernichtung als »gottgewollt« verkündet wie die christliche Kirche."

Müssen geschichtliche Fakten als Beleidigung des Christentums verstanden werden?

100 Gründe gegen die Kirchen

Müssen geschichtliche Fakten als Beleidigung des Christentums verstanden werden?
  • Waren es die Dümmsten denn, die protestierten, sich mokierten, erbrachen fast vor Ekel, Zorn?

Der Katholizismus sei »eine Lüge«, »die Religion der unanständigen Leute« und der Papst »der beste Schauspieler« Roms, steht da geschrieben. »Der Katholizismus verteidigte stets den Diebstahl, den Raub, die Gewalttat und den Mord«, heißt es anderswo; »in der Regel« werde »jeder katholische Priester zu einem Scheusal«, und »jeder anständige Mensch« müsse es »als eine Beleidigung ansehen .. . katholisch genannt zu werden«, schreibt man an anderer Stelle. Dem Christentum wird attestiert, es habe »siebzehn Jahrhunderte Schurkereien und Schwachsinnigkeiten« auf sich geladen, es sei ein »Wahn«, der »die ganze Welt bestach«, ein »unsterblicher Schandfleck«, das »Blatterngift der Menschheit«. Die dies und anderes mehr erklärten, waren keine kleinen Köpfe abendländischer Kultur, keine so geringen Geister, wie die Christen es gern hätten.

Es waren Menschen mit großen Namen:

Pierre Bayle, Voltaire, Helvetius, Goethe, Schiller, Heine, Hebbel, Nietzsche, Freud. Leute ohne Einfluß, mögen Kleriker sagen, Randerscheinungen der menschlichen Kultur.

  • Aber desavouieren solche Richter sich nicht selbst?
  • Dürfen sich Vertreter einer Kirche, die gegenwärtig nicht mehr den geringsten Schritt nach vorn machen kann, die kulturell bedeutungslos wurde, der in den letzten Jahren selbst die letzten braven Schriftsteller abhanden gekommen sind, als Repräsentanten einer abendländischen Kultur aufspielen? Durften sie es je?
  • Kam ihnen je eine wesentliche Rolle im Geistesleben zu — oder nur die Hauptrolle in der Tragödie der eigenen »Wahrheit«?
  • Bei Gott, spricht es für Gott, daß er all die dummen Köpfe braucht, die ihn predigen?

Das Christentum ist immer die Religion der Kleinen gewesen, nicht der sogenannten einfachen Leute. Denn die hat es ganz selten erreicht. Die hat es getauft und gemordet, über deren wahres Leben, deren alte Volksgötter hat es seinen Firnis gelegt. Eine Religion dieser kleinen Leute war die »Hochreligion« der Kleriker nicht. Sie war eine Ideologie der kleinen Geister, deren ausgeprägte Machtgier es nicht ertragen konnte, den Großen nur dienen zu dürfen. Also mußten diese nieder in den Staub, und der Kleinchrist konnte über sie herrschen.

Seither sind die Anschauungen der Andersdenkenden, mochten diese geistig so groß sein, wie sie wollten,

»Seuche«, »Krankheit«, »von Gottlosigkeit strotzende Possen«, »wildes Heulen und Gekläff«, »Erbrechen und Auswurf«, »stinkender Unrat«, »Kot«, »Jauchegrube«. Seither sind Nichtchristen — oder Angehörige einer anderen christlichen Denomination als der eigenen — »Verseuchte«, »Invaliden«, »Vorläufer des Antichrist«, »Tiere in Menschengestalt«, »Söhne des Teufels«. Alle diese Kulturwörter stammen aus dem Mund von Bischöfen und Päpsten, alle sind sie gegen »Ketzer« gerichtet, gegen »schlimme Bestien« also, »Schlachtvieh für die Hölle«.

  • Was wäre los im Land, schimpfte ein Großer heute den Papst ein »Tier«, einen »Drachen und Höllendrachen«, »Bestie der Erde«?
  • Fände Johannes Paul II. sich plötzlich als »Fastnachtslarve« charakterisiert, als »Rattenkönig«, »erzpestilenzialisches Ungetüm«?
  • Schriee ihm einer ins Gesicht, er sei ein »stinkender Madensack«, »besessen vom Teufel«, »des Teufels Bischof und der Teufel selbst, ja der Dreck, den der Teufel in die Kirche geschissen«?

Dann wären ein ausländisches Staatsoberhaupt und alle wahren Christen beleidigt, wäre der »öffentliche Friede« gestört, dann hätte der Staatsanwalt Ermittlungen nach § 166 StGB eingeleitet, dann hätten ihn die christliche Kirche und der weltanschaulich neutrale Staat zu fassen bekommen, hätten ihn verurteilt, den Doktor Martin Luther, diesen Christenführer, der solches wider einen anderen Christenführer geschleudert, inzwischen aber in deutschen Landen als salonfähig gilt.

  • Warum wohl?

Weil sich selbst die wahrste aller Kirchen damit hat abfinden müssen, daß die Wahrheit, die sie gelehrt,

nicht die einzige geblieben ist, sondern nur noch eine unter vielen.

  • Tempi passati?
  • Vergangene Epochen einer unfriedlichen Geschichte?
  • Abgelegt unter der Rubrik »Geistesmord«?

So hätten die Nachfolger es gern. Deshalb wollen sie das Geschehene, Erledigte nicht mehr behandeln lassen. Deshalb rufen sie: Haltet den Dieb!, wagt jemand, die Akten zu öffnen, die Dokumente einzusehen. Deshalb weisen sie nicht sich selbst und ihren Vorgängern die Schuld zu, sondern denen, die diese Schuld offenbaren. Wer Erfahrung hat mit Klerikern, weiß: Die Kritiker sind stets schuld, die kritisierten Zustände werden hingenommen. Wer offenlegt und dies nicht nur am Rand des Teppichs, unter den gekehrt worden ist, verbricht einen »Rundumschlag«. Daß gerade die Kirchengeschichte Rundumschläge von ganz anderen — und blutigsten — Ausmaßen kennt, ist Klerikern noch immer keinen Hinweis wert. Daß ihre Literatur nichts anderes als Rundumschläge verteilt, darf nicht festgestellt werden:

  • Müssen aber Menschen sich von Klerikalen mit Hymnen auf die Kirche eindecken, müssen sie sich Rundumschläge von angeblich Guten bieten lassen?
  • Trägt dieses Kapitel alte Argumente vor?
  • Bleibt es vordergründig, weil ihm der Zugang zum »Wesen der Kirche« fehlt?

Ja, vordergründig, so schreit jeder Pfaffe, deckt man seine Hintergründe, seinen Schwachsinn auf. Und immer wollen jene, die wenig wissen, wenig wissen dürfen, religiöse Klatschbasen, Stammtischbrüder, engstirni ge Bigotte, aufgeblähte Narren, am meisten wissen; können jene, denen klerikale Traktätchen genügen, mit denen, die ein Leben lang geforscht haben, ins Gericht gehen: Das Objekt läßt es offenbar zu. Religion kann jeder vertreten, über Gott kann er mitreden, schon eine kleine naturwissenschaftliche Frage aber überfordert den »Laien«. Nicht dieser »Anti-Katechismus« ist ein Pamphlet, nicht er eine Kampfschrift. Sie kommen aus einer anderen Ecke, sie sind normale Erzeugnisse klerikalen Denkens.

Mittlerweile tragen sie friedliche Namen wie »Enzyklika«, »Hirtenwort«, »Katechismus«.

Doch die Sache blieb dieselbe, die des Kampfes. In ihren Traktaten tragen sie den Kampf nach vorn. In ihnen agieren sie wie immer, unfriedlich, friedensunfähig, friedensunwillig. In ihnen spalten sie die Menschen, einzeln und allgemein, in gute und böse Teile — und ziehen ihre geistes- und freiheitsmörderischen Konsequenzen. Sie ertragen die Sicherheit der Andersdenkenden nicht, bei all ihrer eigenen Unsicherheit, ihren Identitätskrisen, ihren beseligenden Kohlkopfharmonien. Sie reagieren empört, mit Haß - der großen Domäne der Liebesreligion. Sie antworten mit Denkverboten, Leseverboten, Index und Zensur, mit Verleumdungen, Gift und Galle, Pech und Schwefel. Und nachdem ihre Scheiterhaufen erlöschen mußten, schmollen sie und warten auf bessere Zeiten; reagieren sie, indem sie - höchst diplomatisch - gar nicht reagieren, gar nichts beantworten, die Kritiker als Unpersonen behandeln, die Argumente ebenso totschweigen wie die Argumentierenden.

  • Argumente?

Niemand kann guten Wissens und Willens behaupten, daß »nur« die vergangenen 1900 Jahre Christentum böse und blutig gewesen seien, die Situation der Kirche aber in den letzten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts sich grundlegend geändert, gebessert habe. Das Gegenteil ist wahr: Rein quantitativ gesehen, belasten die katholische Kirche im 20. Jahrhundert mindest gleichviel, wenn nicht noch mehr Verbrechen als in irgendeinem früheren Zeitraum. Hinzu kommt, daß sie in unserer jüngsten Vergangenheit eine neue Blutschuld brandmarkt, die an Scheußlichkeit nicht hinter den schlimmsten Missetaten des katholischen Mittelalters zurücksteht. Der grauenhafteste Skandal des Christentums im 20. Jahrhundert, die bereits erwähnten Kroatengreuel zwischen 1941 und 1943, ist nicht ohne Grund das unbekannteste und am meisten verdrängte geschichtliche Faktum in der christlichen Welt. Nur die stets Wissenden haben es auch in diesem Fall gewußt:

Das vatikanische Staatssekretariat besitzt angeblich 8000 Fotografien von den durch Katholiken geschehenen Massakern und Massenbekehrungen.

Scheinbar einsichtige Christen suggerieren heute, alles Schlimme der Kirche sei endgültig vorbei. Diese Suggestion macht nur die Toten schuldig und spricht die Lebenden frei. Doch freut man sich zu früh: Wer 59/60 der eigenen Kirchengeschichte als verderbt ansieht und nur das gegenwärtige 1/60 als passabel, der verletzt nicht bloß - übrigens gegen den Willen der Päpste aller Zeiten — die Tradition der eigenen »heiligen« Institution, der handelt auch gegen sich selbst unredlich. Er sieht sich nicht als das, was er ist — und nach katholischer Doktrin sein muß: als Erben einer Vergangenheit, die unabdingbar zur Gegenwart der konkreten Kirche gehört und von der er sich nur befreien kann, indem er diese Kirche verläßt. Die Kirche verlassen hieße in diesem Fall, mit der Tradition brechen, auf das »ewige« Leben verzichten, um wenigstens einmal im Leben Mensch statt bloß Christenmensch zu sein.

Bundesdeutsche Staatsanwaltschaften müssen Jahr für Jahr gegen »besonders verletzende, rohe Kundgaben der Mißachtung« (so ein amtlicher Text von 1985) einschreiten, weil sich ein praktizierender Christ beleidigt fühlt, rechnet ihm jemand die Schandtaten seiner Kirche anhand unbestreitbarer Fakten vor. Flugblätter, die auf solche Wahrheiten und ihre Hintergründe weisen, werden amtlich eingezogen, denn sie sind »geeignet, Gefühle des Hasses und der Verachtung zu wecken und zu fördern und daher den öffentlichen Frieden zu stören«. Wer demgegenüber — durch Hirtenworte und andere »fromme« Flugschriften — Krieg und Haß geschürt, wer den öffentlichen Frieden über Jahrhunderte eklatant ruiniert hat, wer die Meinung Andersdenkender bis auf den heutigen Tag der öffentlichen Mißachtung aussetzt, geht straffrei aus: ein nicht zu übersehendes Exempel gesunden Rechtsempfindens im Dienst der wahren, das ist der klerikal bestimmten abendländischen Kultur! Hierzulande scheint sich niemand von den Verantwortlichen schämen zu müssen.

Im Gegenteil: Die historisch und aktuell Schuldigen stehen

ungeachtet der vernunftverheerenden Wirkung ihrer Dogmen und Moral - unter dem besonderen Schutz des weltanschaulich neutralen Staates. Sie werden - wie keine vergleichbare Gruppe unserer Gesellschaft — finanziell ausgehalten. Sie haben einen gesicherten Zugang zu allen gesellschaftspolitisch wichtigen Institutionen. Ihr Mitentscheidungsrecht oder zumindest ihr Einfluß in Sachen Kindergärten, Schulen, Universitäten, Rundfunkanstalten, Presseorgane ist institutionell gesichert. Sie brauchen sich — blutige Tradition hin oder her — bis auf weiteres keine Sorgen zu machen.

  • Gibt es aber nicht auch Gründe für Kirchen, stolz zu sein?
  • Ist ihre Vergangenheit nur mörderisch?
  • Ist alles Kirchliche von vornherein schlecht?

Kleriker betonen, daß die Ideale des Evangeliums sehr hochgesteckt sind. Und sie folgern daraus, daß niemand die konkreten Kirchen oder die einzelnen Christen schon deswegen verdammen dürfe, weil sie diese evangelischen Ideale nicht ganz, nicht halb oder gar nicht realisieren. Sich zu verfehlen sei menschlich, auch und gerade im Reich Gottes. Doch geht es niemals um kleine Verfehlungen, Bagatellen.

Im Gegenteil. Ist doch keine Organisation der Welt zugleich so lange, so fortgesetzt und so scheußlich mit Verbrechen belastet wie die christliche Kirche.

Und diese Ansicht ist erst widerlegt, wird dem bisher von der Kirchenkritik erbrachten wohlfundierten Material ein ebenso wohlfundiertes Material gegenübergestellt, welches irgendeine andere Organisation der Welt genauso fortgesetzt und genauso scheußlich belastet.