"Niemand vor Stalin und Hitler hat in Europa das menschliche Leben so unentwegt aufs äußerste verachtet, in den Staub getreten, ja diese Vernichtung als »gottgewollt« verkündet wie die christliche Kirche."

Leistete die Kirche Geburtshilfe für den Faschismus?

100 Gründe gegen die Kirchen

Leistete die Kirche Geburtshilfe für den Faschismus?

Gleiche Klientel, gleiche Symptome könnte ein Merkspruch über das Verhältnis von Klerikalismus und Faschismus lauten. Er wäre historisch belegt. Alle faschistischen Regimes wurden mit intensiver Unterstützung des Papsttums an die Macht gebracht. Gleich und gleich gesellte sich da allzugern. Italiens Mussolini und Spaniens Franco sind von Katholikenmassen gestützt worden

  • (von wem eigentlich sonst?).

Zwar hatte Benito Mussolini, Verfasser von »Es gibt keinen Gott« und »Die Mätresse des Kardinals«, noch 1920 religiöse Menschen als Kranke bezeichnet und auf die Dogmen gespuckt. Doch schon im Jahr darauf rühmte er den Vatikan und dessen Reich derart, daß Kardinal Ratti - ein Jahr vor seiner Wahl zum Papst Pius XI. -entzückt ausrief: »Mussolini ist ein wundervoller Mann.

  • Hören Sie mich?

Ein wundervoller Mann!«

Papst und Duce kamen aus Mailand. Beide haßten Kommunisten, Liberale, Sozialisten.

Mussolini rettete zudem den »Banco di Roma«, dem die Kurie hohe Summen anvertraut hatte, vor dem Bankrott, indem er öffentliche Gelder lockermachte. Worauf der oberste Faschist vom Dekan des Kardinalskollegrums als »auserwählt zur Rettung der Nation« gerühmt wurde. Und auch Pius XI. (1922- 1939) förderte natürlich den Diktator Italiens:

Er protestierte nicht, als Geistliche von Faschisten getötet wurden. Er hielt den Mund, als Kommunisten und Sozialisten ermordet wurden. Er sprach am 20. Dezember 1926 die wegweisenden Worte: »Mussolini wurde uns von der Vorsehung gesandt.«

Drei Jahre später schlössen Klerikale und Faschisten die Lateranverträge, die den einen eine Millionenrente für das Reich einbrachten, das nicht von dieser Welt war, den anderen den päpstlichen Segen und die öffentliche Anerkennung. Der Katholizismus wurde Staatsreligion in Italien. Der Faschismus übernahm die politische Leitung. Beide Ideologien verstanden sich prächtig, ihre Ziele gingen Hand in Hand, Klientel und Symptome waren oder wurden dieselben.

In Italien bestanden damals die Bücher der Grundschulen zu einem Drittel aus »Katechismus«-Stücken und Gebeten, zu zwei Dritteln aus Verherrlichungen des Faschismus und des Krieges.

Beide Reiche stammten wieder von dieser Welt. Nachdem Mussolini Abessinien in einem »gerechten Verteidigungs krieg« (katholische Meinung) niedergeworfen hatte, nachdem sich eine Munitionsfabrik in vatikanischem Besitz als einer der wichtigsten Kriegslieferanten bewährt und der Kardinal von Mailand den Krieg als »Evangelisationsfeldzug« gerühmt hatte, feierte der katholische Klerus den »wundervollen Duce« gemeinsam als Führer des »neuen Römischen Reichs, das Christi Kreuz in alle Welt tragen wird«.

  • Mein Reich ist nicht von dieser Welt?

In Spanien, einem seit Jahrhunderten von klerikalen Machthabern finanziell und geistig ausgepowerten Land, forderten die Bischöfe schon 1933 - das Jahr ist kein Zufall — ebenso wie der Papst einen »heiligen Kreuzzug für die Wiederherstellung der kirchlichen Rechte«. Francos Putsch gegen die legale Regierung begann denn auch mit dem Segen der Prälaten. Nur einen Verteidigungsfeldzug wollten Frankisten und Klerikale führen. Gegen den gottlosen Kommunismus. Gegen ein Volk, das nicht ganz so wollte wie sie selbst.

Als erste ausländische Flagge wehte über Francos Hauptquartier die des Papstes,

und über dem Vatikan wurde bald die des Caudillo gehißt. Pius XI. wußte, wie sehr sein Reich von dieser Welt war, als er mitten im Bürgerkrieg dem Faschistengeneral Franco ein Huldigungstelegramm schickte, bei dem er »den angestammten Geist des katholischen Spanien pulsieren« fühlte. Im Sommer 1938 lehnte es derselbe Papst ab, sich der Bitte Englands und Frankreichs anzuschließen und gegen die Bombardierung der republikanischen Zivilbevölkerung zu protestieren.

Als Franco schließlich mit Hilfe aus Berlin und Rom über das spanische Volk gesiegt hatte, beglückwünschte ihn der neue Papst, Pius XII., am 1. April 1939: »Indem Wir Unser Herz zu Gott erheben, freuen Wir Uns mit Ew. Exzellenz über den von der katholischen Kirche so ersehnten Sieg. ... Wir hegen die Hoffnung«, schrieb der Papst weiter, »daß Ihr Land nach der Wiedererlangung des Friedens mit neuer Energie die alten christlichen Traditionen wiederaufnimmt!« Er hatte nicht vergebens gehofft: Franco ließ in den folgenden Jahren mehr als 200000 Andersdenkende erschießen.

Auch in der deutschen Kirchengeschichte ist erwiesen, daß die Bischöfe — gelegen oder ungelegen, im Verein mit dem Vatikan und dessen Chef, Papst Pius XII. - Hitler mit aufgebaut und fast bis zuletzt gestützt haben. Die vielen Versuche einer Mohrenwäsche versagen vor den Fakten. Das Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933 (vorher schon waren die bürgerlichen Grundrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft gesetzt) wurde mit den die Mehrheit beschaffenden Stimmen der klerikal geführten Katholikenpartei (»Zentrum«) beschlossen.

Und ihre Zustimmung war an die Zusage Hitlers gebunden, über den Abschluß eines Reichskonkordats zu verhandeln.

Am 10. April, inmitten von Boykottbefehlen und Pogromen gegen Juden, ist Hitlers Paladin Göring im Vatikan empfangen worden, um Deutschland zu seinem neuen Führer beglückwünschen zu lassen. Am 3. Juni 1933, als schon Tausende von Katholiken verhaftet sind, schreiben die Bischöfe: »Wir wollen dem Staat um keinen Preis die Kräfte der Kirche entziehen.«

Am 20. Juli 1933 wird das Reichskonkordat unterzeichnet. Es enthält nicht nur finanzielle Zusagen, die das Dritte Reich der katholischen Kirche macht, sondern auch ein geheimes Zusatzprotokoll, das eine Wiederaufrüstung Deutschlands absegnet. Es gilt noch heute.

Das Reichskonkordat wurde mit Festgottesdiensten gefeiert, wobei das neu begründete Verhältnis von Staat und Kirche auch liturgisch zum Ausdruck kam: Bischöfe stimmten das Tedeum an, nationalsozialistische Geistliche hielten vor angetretener SA und SS Festpredigten, Sturmfahnen der SA nahmen am Altar Aufstellung, SA-Kapellen spielten Kirchenmusik. Alles jubelt, und wer nicht jubeln kann, sitzt bereits im KZ. Papst Pius XI. läßt sich von seinem Kardinal und Widerständler Faulhaber als den »besten, am Anfang sogar einzigen Freund des neuen Reiches« rühmen. Und die deutschen Bischöfe ordnen dies Konkordat am 20. August 1935 richtig ein:

Der Heilige Vater hat, so bescheinigen sie Hitler,

»das moralische Ansehen Ihrer Person und Ihrer Regierung in einzigartiger Weise begründet und gehoben«. Noch 1937, als der Oberhirte Faulhaber bereits wußte, was Hitler seit 1933 getan hatte, sagte er zum Thema: »Zu einer Zeit, da die Oberhäupter der Weltreiche in kühler Reserve und mehr oder minder voll Mißtrauen dem neuen Deutschen Reich gegenüberstehen, hat die katholische Kirche, die höchste sittliche Macht auf Erden, mit dem Konkordat der neuen deutschen Regierung ihr Vertrauen ausgesprochen. Für das Ansehen der neuen Regierung im Ausland war das eine Tat von unschätzbarer Tragweite.«

Papst Pius XII., der Oberste Oberhirte seiner Kirche und der Meisterdiplomat der deutschen Konkordatsära, schwärmt nach der Besetzung der Tschechoslowakei, er liebe Deutschland »jetzt noch viel mehr«. Nach dem Überfall auf Polen wiederholt er diesen Liebesschwur gegenüber seinen besten Finanziers. Und sein »Osservatore Romano« schreibt, um die Kriegsschuldfrage von vornherein richtig zu beantworten: »Zwei zivilisierte Völker beginnen einen Krieg«. Als England und Frankreich darauf bestehen, die Kurie möge Hitler zum Angreifer erklären, lehnt Pius XII. ab.

Noch im November 1943, mitten in Hitlers hochverbrecherischem Angriffs krieg, beteuert der Papst, seine »ganz besondere Sorge« gelte »dem jetzt so schwergeprüften deutschen Volke vor allen anderen Nationen«. Und die Erzdiözese Freiburg hatte schon in den ersten 15 Kriegsmonaten über 1,3 Millionen Reichsmark an »Kriegshilfe leistungen« erbracht. Kein Wunder, verfaßte doch Oberhirte Gröber, selbst Förderndes Mitglied der SS, in dieser Zeit nicht weniger als 17 Hirtenbriefe, die allesamt zur Opferbereitschaft aufriefen.

  • Widerstand?
  • Widerstandskämpfer unter den Bischöfen?

Von den 26 000 deutschen Klerikern saß ein Prozent in Dachau, darunter kein einziger Bischof

weder Faulhaber aus München noch Galen aus Münster. Als Hitler sich über Teilbestimmungen des Reichskonkordats hinwegsetzt, beklagen Bischöfe und Papst nur die eigene Benachteiligung. Der Historiker Hans Müller sieht in der Verteidigung der katholischen Institution »den ersten und beinahe einzigen Ansatzpunkt katholischen Widerstands«. Der deutsche Katholizismus war nahezu ausschließlich an der Erhaltung seiner Rechte, Freiheiten und Organisationen interessiert.

Dagegen ignorierte er das Unrecht, den Terror, den Mord, die Vergewaltigung des Menschen. So beklagt Bischof Galen am 26. Mai 1941 in einem Brief an seinen Kollegen Berning zwar ausführlich die Einschränkung kirchlicher Rechte. Von der Verfolgung, die über Nichtkatholiken hereingebrochen war, spricht er aber mit keinem Wort. Äußerungen gegen die Jagd auf Juden sind von Galen nicht bekanntgeworden. Juden waren für die deutschen Bischöfe ein »uns in kirchlicher Hinsicht nicht nahestehender Interessenkreis«.

Freiburgs Erzbischof Gröber schreibt 1937, der Bolschewismus, gegen den Hitler rüstete,

sei ein »asiatischer Despotismus im Dienste einer Gruppe von Terroristen, angeführt von Juden«. Bischof Gföllner von Linz meinte schon 1933, kurz vor Hitlers Machtübernahme, es sei strenge Gewissenspflicht eines jeden Christen, »das entartete Judentum« zu bekämpfen, welches im »Bunde mit der Weltfreimaurerei... der Begründer und Apostel des Bolschewismus« sei.

Galen selbst schreibt in seinem Glückwunsch zum Überfall Hitlers auf die Sowjetunion von der »jüdisch-bolschewistischen Machthaberschaft von Moskau«, die nun gestoppt werde.

  • Wie groß war hier noch der Abstand zur mörderischen Nazi-Formel von der »jüdischen Weltverschwörung«?

Nie protestieren diese Bischöfe gegen die Aufhebung der demokratischen Grundrechte aller Deutschen, nie gegen die Beseitigung von Liberalen, Demokraten und Kommunisten, nie gegen den Antisemitismus und seine verbrecherischen Taten an Millionen. Kein einziger Hirtenbrief, lobt sich 1936 ein deutscher Kardinal, hat je den Staat, die Bewegung oder den Führer kritisiert. In Spanien ist, so Galen, der gottlose Bolschewismus »mit Gottes und Hitlers Hilfe besiegt worden«.

Freilich, hinterher standen sie alle wieder auf der Seite der Sieger.

Kein einziger Hirte wollte es nun gewesen sein. Vielmehr prangern im Juli 1951 Kleriker jene Katholiken als jämmerliche Versager an, »die sich durch den totalitären Staat täuschen ließen« und »in friedfertiger Gesinnung eine politisch verhängnisvolle Kompromißbereitschaft« zeigten. Die Sündenböcke sind gefunden. Die Tendenz, alle Schuld auf die Nazis abzuschieben und auf deren Mitläufer, soll das eigene Versagen (nicht nur Mitläufer gewesen zu sein) kaschieren.

Dokumente werden gereinigt, klerikal bestimmte Kirchenhistoriker dürfen wesentliche Dinge übergehen und unwesentliche in aller Breite schildern. Ein aktuelles bundesdeutsches Lexikon teilt unter dem Stichwort »Faulhaber, Michael von« mit, der Kardinal sei »schon vor 1933 entschiedener Gegner des Nationalsozialismus« gewesen. Doch diese Widerstandslüge ist nichts Besonderes. Sie ist allen - zufällig am 8. Mai 1945 - vom Faschismus bekehrten katholischen Bischöfen zu eigen.

Ihr Reich war nie von dieser Welt. Kardinal von Galen hat im Sommer 1945 selbst ein Parteiprogramm für eine neue, christlich orientierte Volkspartei entworfen. Von nun an wird an der Lebenslüge des deutschen Nachkriegskatholizismus vom angeblichen Widerstand gestrickt.

Kleriker müssen fortan dementieren, ja entrüstet zurückweisen, daß sie Hitlers Geld nahmen.

Sie müssen verdrängen, daß ihr Papst zu lange auf die falsche weltanschauliche Karte gesetzt hatte und erst umgeschwenkt war, nachdem sich eine militärische Niederlage der Deutschen abzeichnete. Sie müssen ihre eigenen Worte desavouieren. Nie sagten sie, was schwarz auf weiß geschrieben steht. Kein einziger deutscher Bischof aber war als Häftling in einem Hitler-KZ. Bischof Berning hat sogar einige KZs besucht, hat die Lagereinrichtungen, die Wachen gelobt, die Häftlinge zu Gehorsam und Treue gegen Volk und Führer ermahnt und seine Predigt mit einem dreifachen »Sieg Heil« beschlossen.

Lob für die Bischöfe kam von Hitlers Scherge Heydrich. Dieser rühmte den Hirtenbrief des Ermländer Bischofs Kalier, der noch 1941 versichert hatte: »Gerade als gläubige, von der Liebe Gottes durchglühte Christen stehen wir treu zu unserem Führer, der mit sicherer Hand die Geschicke unseres Volkes leitet.« Auch Bischof von Galen stand nie zurück. Schon am Tag seiner Bischofsweihe (28. Oktober 1933) predigte er:

»Wir wollen Gott dem Herrn für seine liebevolle Führung dankbar sein, welche die höchsten Führer unseres Vaterlandes erleuchtet und gestärkt hat, daß sie die furchtbare Gefahr, welche unserem geliebten deutschen Volke durch die offene Propaganda für Gottlosigkeit und Unsittlichkeit drohte, erkannt haben und sie auch mit starker Hand auszurotten suchen.«

  • Die starke Hand?
  • Die Ausrottung?
  • Die Legitimation Hitlers durch den Bischof?

Dieser Widerständler kannte seine wirklichen Feinde. Sie hörten nicht auf den Namen Nationalsozialisten.

Sie waren unter den Kommunisten, diesen »vertierten Bestien« (Galen 1945). Schon das Wort »Demokratie« war ihm peinlich. Als im Herbst 1941 eine Fälschung zirkuliert, nach der er zum passiven Widerstand gegen Hitler aufgerufen haben soll, läßt der »Löwe von Münster« das Schriftstück, »dessen Tendenz zu seiner Gesinnung und Haltung in schroffem Widerspruch steht«, energisch dementieren.

  • Wer wirklich Widerstand leistete?

Zum Beispiel der katholische Pfarrer Dr. Max Joseph Metzger, der wegen seiner Friedensbemühungen im Jahr 1944 hingerichtet wurde. Sein eigener Bischof, das SS-Mitglied Gröber aus Freiburg, hatte sich von Metzger und dessen »Verbrechen« in einem Brief an den Präsidenten des Volksgerichtshofs Freisler distanziert. Diesem, nicht seinem Pfarrer, bekundete er in diesem Brief »hohe Wertschätzung und Verehrung«.

Und selbst die Bekehrung des 8. Mai 1945 bewirkte bei Erzbischof Gröber nichts: Als sich die elf Priester seiner Erzdiözese, die das KZ überlebt hatten, 1946 trafen, verweigerte er ihnen seinen Besuch und untersagte, das Treffen in Offenburg öffentlich zu machen. Die Lage des offiziellen Kirchenchristentums war damals so heikel, daß »nur ein gigantisches Verdeckungsmanöver« (der Historiker Friedrich Heer) das Gesicht der Bischöfe retten konnte.

Im Schatten der Ruinen entstand dann jenes mächtige Gebäude der Lebenslüge vom Widerstand - und bald schon wurden die Bischöfe, die eben noch so schlimm versagt hatten wie ihr Papst, zu Garanten der neuen Werte (und entsprechend honoriert).

Ein Beispiel für viele: München benennt eine Straße an zentraler Stelle nach Kardinal Faulhaber. Sie ist nicht weit von der Pacelli-Straße entfernt (die Pius XII. ehrt). Beide Straßen liegen nahe am Platz der Opfer des Nationalsozialismus.