"Niemand vor Stalin und Hitler hat in Europa das menschliche Leben so unentwegt aufs äußerste verachtet, in den Staub getreten, ja diese Vernichtung als »gottgewollt« verkündet wie die christliche Kirche."

Ist das Christentum originell?

100 Gründe gegen die Kirchen

Ist das Christentum originell?

Die soeben gemachte Aussage impliziert schon, worin das Christentum besonders originell ist und bleibt. Doch ist weiterzufragen:

  • Gibt es Gründe für das Vorgehen der Christen gegen Andersdenkende?

Ja, denn Christen, die gegen das »andere« kämpfen, bekriegen es in sich selbst. Sie spüren mit machtsicherem Instinkt, daß sie nicht besonders viel Neues in die Welt gebracht haben - und daß diejenigen, die dies wissen, ihnen gefährlich werden müssen. Jede Religion, die mit ewigen Wahrheiten jongliert, fürchtet die Enthüllung, daß ihre Wahrheit nicht von irgendeinem Gott geofenbart, sondern bei lebendigen Geistern und Zeitgenossen entlehnt oder gestohlen worden ist. Kleriker sehen die Wahrheit der christlichen Lehre durch Weissagung und Wunder bewiesen; aber nichts, angefangen vom zentralen Dogma bis hin zum peripheren Ritus, ist im Christentum wirklich innovativ und originell.

Wunder wie Weissagungen sind übernommen.

Leidende, sterbende, wieder auferstehende »Gottessöhne« waren in Mythologie und Geschichte wohlbekannt, als christliche Autoren sie übernahmen. Dreifaltigkeitslehren gibt es zwar nicht bei Jesus, doch in Fülle in vorchristlicher Zeit.

  • Die Gottesmutterschaft, die Jungfrauengeburt?
  • Nichts Neues. Wallfahrten, Gnadenorte, Reliquien?
  • Alles bekannt. Das Gebot der Nächsten- und der Feindesliebe?

Den sogenannten »Heiden« vertraut.

  • Die Taufe?
  • Die Beichte?
  • Das Abendmahl?

Alles, was im Christentum ein hochheiliges Sakrament sein soll, war schon lange vor den Christen auf der Welt.

Der größte aller Kirchenlehrer, Augustinus, hat dies auch unumwunden in Bausch und Bogen und freilich mit dem ihm eigenen Zynismus eingeräumt: »Das, was man jetzt als christliche Religion bezeichnet, bestand bereits bei den Alten und fehlte nie seit Anfang des Menschengeschlechtes, bis Christus im Fleische erschien, von wo an die wahre Religion, die schon vorhanden war, anfing, die christliche genannt zu werden.«

Heiden oder Juden oder beide haben die Weltanschauungen erfunden, bei denen sich die Christen bedienten.

Wer Christ sein wollte, konnte sich nicht auf das eigene, schon gar nicht auf das innovative Denken verlassen, sondern mußte nehmen, was da war: die Predigt vom nahen Gottesreich, die Lehre von der Gotteskindschaft, die Messias- wie die Heilandsidee, die Prophezeiung des Erlösers, seine Herabkunft, seine Geburt aus der Jungfrau, seine Anbetung durch die Hirten, seine Verfolgung schon in der Wiege, seine Versuchung durch Satan, sein Lehren, Leiden, Sterben (auch am Kreuz), seine Auferstehung (bis hin zum Bild des »dritten Tages« wie beim ägyptischen Gott Osiris), sein leibhaftiges Erscheinen vor Zeugen, seine Höllenfahrt, seine Himmelfahrt, die Erbsündenlehre, die Siebenzahl der Sakramente, die Zwölfzahl der Apostel, das Amt des Bischofs, Priesters, Diakons, Wunder wie der Wandel auf dem Wasser, die Sturmbeschwörung, Speisenvermehrung, Totenerweckungen.

  • Wozu weiter aufzählen?

Nichts davon ist neu. Religionsgeschichtler haben längst nachgewiesen, daß es in der antiken Literatur zahlreiche und genaue Gegenstücke zu den evangelischen Wundergeschichten gibt; daß diese in Inhalt und Stilisierung mit den profanen Wundererzählungen weithin übereinstimmen; daß schließlich selbst der heidnische Ursprung der neutestamentlichen Wunderlegenden überwiegend wahrscheinlich ist. Selbst das größte Wunder, die Auferstehung, glückte den »Göttersöhnen« immer wieder, den mythischen wie den geschichtlichen; glückte so oft, daß der Kirchenschriftsteller Origenes im 3. Jahrhundert sagen kann, das Wunder der Auferstehung Christi bringe keinem Heiden etwas Neues und könne daher nicht anstößig sein. Auch gekreuzigte Götter gab es vor dem in den Evangelien gestalteten Jesus aus Nazareth: Dionysos, Lykurgos, Prometheus.

Zum Teil bis in geringste Einzelheiten hinein wiederholt sich beim Tod Jesu,

wie die Evangelisten ihn schildern, was beim Tod der heidnischen Gottheiten geschehen und überliefert worden war. Der babylonische Marduk etwa, als guter Hirte gepriesen, wird gefangengenommen, verhört, gegeißelt, zusammen mit einem Verbrecher hingerichtet, während ein anderer freikam. Beim Tod Cäsars verhüllte sich nach Legendenberichten die Sonne, eine Finsternis trat ein, die Erde barst, und Tote kehrten zur Oberwelt zurück. Herakles, schon um 500 v. Chr. als Mittler für die Menschen und zur Zeit Jesu als Weltheiland verehrt, befiehlt seinem göttlichen Vater seinen Geist — mit fast denselben Worten, die Jesus nach dem Lukasevangelium gebraucht haben soll. Der Theologieprofessor Joseph Ratzinger mußte die Tatsachen anerkennen, als er noch nicht Kurienkardinal und oberster Glaubenswächter Roms war.

Er schrieb 1968: »Der Mythos von der wunderbaren Geburt des Retterkindes ist in der Tat weltweit verbreitet.« Und er vermutet, »daß die verworrenen Hoffnungen der Menschheit auf die Jungfrau-Mutter« vom Neuen Testament aufgenommen worden sind.

  • Aufgenommen und für die eigenen Belange umgedreht?

Daß die frühesten christlichen Autoren das Stilmittel des frommen Betrugs ebenso häufig anwenden wie viele ihrer Zeitgenossen, muß nicht eigens betont werden. Kein einziges Evangelium, überhaupt keine biblische Schrift, liegt im Original vor, sondern nur in Abschriften von Abschriften von Abschriften. Die Zahl der verschiedenen Lesarten ist mittlerweile auf schätzungsweise 250000 gestiegen. Dabei haben die jüngeren Evangelien (und ihre Abschreiber) die älteren systematisch in ihrem neuen Sinn verbessert. Paulus, der eigentliche Gründer dessen, was gegenwärtig Christentum heißt, hat die Person Jesu weitgehend ignoriert und dessen Lehre fundamental verändert.

Er hat - aus seiner Umwelt entlehnt - verschiedene Doktrinen begründet,

die noch heute christliches Denken und Handeln prägen: die Askese (Leibfeindlichkeit), die folgenschwere Verachtung der Frau, die Diffamierung der Ehe. Zudem stellte er Glaubenslehren auf, die der jesuanischen Botschaft strikt zuwiderlaufen: die Lehre von der Erlösung, von der »Prädestination« (Vorherwissen und -handeln Gottes), die gesamte »Christologie«. Kein Wunder, daß es zwischen Paulus und den Uraposteln zu schweren Auseinandersetzungen gekommen ist. Kein Wunder, daß diese Kämpfe der »Wahrheitslehrer« gegen die Lehrer des »Irrtums« die ganze Kirchengeschichte durchtoben. Noch Papst Pius XII. lehrt: »Was nicht der Wahrheit und dem Sittengesetz entspricht, hat objektiv kein Recht auf Dasein, Propaganda und Aktion.«

Doch auch kein Wunder, daß sich das Christentum durchweg bei denen bedient hat, die es als »Heiden« abtut. Wenn eine Religion jeden Bezug zu Lehren und Bräuchen einer Vorgängerin offiziell eliminiert, werden die verbannten Denkmuster und Gewohnheiten wieder in anderen, nur oberflächlich angepaßten Formen zu neuem Leben erweckt. Das Christentum hat sich dabei bei sämtlichen zur Verfügung stehenden »Irrtümern« nach Gusto bedient. Der endgültige Monotheismus (Glaube an einen einzigen Gott) ist von ägyptischen Anhängern des Sonnenkultes übernommen und über die Religion des Mose ins Christentum übergeführt worden. Das christliche Johannisfest geht in seinen Grundstrukturen auf präkeltische Rituale zurück, Weihnachten ist ein Fest römischen Ursprungs, das Allerheiligenfest ist an die Stelle der keltischen Samain-Nacht getreten.

Das Brauchtum, am 1. November Feuer zum Zeichen der Wiedergeburt anzuzünden, haben die Christen von den Druiden-Kulten übernommen

und auf Ostern übertragen. Das keltische Imbolc-Fest, das die Mitte des Winters bedeutete und Feuer wie Wasser verehrte, wurde zum christlichen »Maria Lichtmeß« umgemodelt. Unzählige christliche Kirchen und Kapellen erheben sich noch heute dort, wo sich früher heidnische Heiligtümer befanden. Die christlichen Priester, Mönche, Äbte, Bischöfe haben im sozialen Gefüge der »eroberten Länder« genau dieselbe Rolle gespielt wie die früheren Zauberpriester. Der Apostel Irlands, der hl. Patrick, hat die vorgefundene Priesterklasse sogar nach ihrer sogenannten Bekehrung zum Christentum zur intellektuellen Elite der neuen Religion gemacht. Die Urschriften des Christentums sind nicht glaubwürdiger als die Texte des Hinduismus, der griechischen Religionen oder des Druidentums.

Trotzdem haben der hl. Augustinus und andere Kirchenväter keine Bedenken gehabt, sich über die Mythen der Heiden lustig zu machen, sie als verrückte Geschichten hinzustellen und als Erfindungen des Teufels, um die arme Menschheit vom rechten, christlichen Weg abzubringen.

Freilich: Im Gegensatz zum Christentum hat es bei den »irrigen Heidenreligionen« keine absolute und offenbarte Wahrheit gegeben, die mit Feuer und Schwert hätte verkündet werden müssen.

Ob die gewalttätig überwundenen »Irrtümer« der neuen »Wahrheit« nicht weit voraus waren?